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Rezension: Zugezogen Maskulin – Alles Brennt

Scheibenkleister

In der Rubrik Scheibenkleister wühlt Ernst.FM für euch in der Plattenkiste. Jeden Freitag bespricht einer unserer Redakteure eine gute Neuerscheinung aus den letzten Wochen.

[008] Rezension: Zugezogen Maskulin – Alles Brennt

Foto: Marc Cantarellas-Calvó

Die ehemaligen Kinder vom Dorf, Grim104 und Testo, wohnen mittlerweile im großen Berlin und nennen sich Zugezogen Maskulin. Der Name ist eine Anspielung auf die Berliner Rap-Kombos Westberlin Maskulin (Klassiker) und Südberlin Maskulin (ziemlich bescheiden). Die beiden Rapper machen schon seit einigen Jahren gemeinsam Musik und bringen am 13. Februar ihr neues Album „Alles brennt“ heraus.

Obwohl sie online bereits ein Album und ein Mixtape veröffentlicht haben, fühlt sich das Album doch wie ihr Debüt an. Vermutlich weil ihre vorherigen Releases bisher ohne große Promotion einfach kostenfrei online veröffentlicht wurden und keine nennenswerte Medienresonanz bekommen haben. Doch spätestens nach dem großen Feuilleton-Hype, ausgelöst durch die EP von Grim104 im vergangenen Jahr, sind er und Zugezogenen Maskulin auf dem Radar aufgetaucht. Obwohl es aufgrund des Hypes uncool sein könnte, muss ich klarstellen: „Grim104“ ist für mich eines der besten Releases des letzten Jahres. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen an das gemeinsame Album mit Testo – zugegebenermaßen eine schwierige Ausgangssituation, um eine euphorische Review über das Album zu schreiben.

Das „wichtige“ formale Kriterium für ein Rap-Album haben sie schon mal eingehalten: Mit 12 Songs liegen sie im Bereich der perfekten Anzahl von Albumtiteln – die liegt nämlich zwischen 10 bis 14 Tracks. Thematisch geht’s im Gegensatz zur „Grim104“-EP nicht um verrückte Geschichten rund ums Dorfleben. Eine wichtige Rolle spielt auf diesem Album diesmal die Großstadt: Songs wie „Schiffbruch“, „Oranienplatz“ oder auch „Agenturensohn“ drehen sich beispielsweise um das Leben in Berlin und behandeln Themen wie die Gentrifizierung, die Arbeit in einer Berliner Agentur und unerfüllte Wünsche und Erwartungen an das Big City Life. Inhaltlich werden dabei reihenweise gesellschaftliche und politische Missstände in den wütenden Texten verarbeitet. Ihre linkspolitische Einstellung lassen sie bei der Kritik auch immer wieder durchblicken – dabei haben sie es nicht nötig zu beweisen, wie krass politisch sie sind, sondern sagen trocken, was ihnen nicht passt. Meist mit einer ordentlichen Portion Ironie und Sarkasmus. Fans von K.I.Z. wird das bekannt vorkommen. Allerdings handelt es sich bei Zugezogen Maskulin nicht um einen einfachen K.I.Z.-Klon. Dafür ist ihr Ansatz zu ernsthaft und aggressiv. Trotzdem erinnert Testos Flow in manchen Momenten an Maxim (von K.I.Z.). Grims Art ist da noch eigenständiger. Er macht seinem wahnsinnigen Image alle Ehre und flowt wie ein Verrückter durch die Songs. Wenn sich dabei seine Stimme überschlägt, macht das richtig Spaß. Technisch rappen beide auf sehr hohem Niveau. Durch ihre unterschiedlichen Stile wird das Album besonders unterhaltsam. Trotzdem hakt es manchmal an den Texten der Jungs. Statt der üblichen Abgedroschenheiten wären tiefergehende kritische Auseinandersetzungen spannend. Schließlich hat über die Hipster aus der Großstadt doch wirklich jeder schon mal rumgemeckert.

Insgesamt gibt es auf dem Album also eine ordentliche Kritikschelle von zwei wütenden MCs auf Beats, die vor Trap-Anleihen nur so strotzen. Ob ich das Album nach einem Jahr immer noch so häufig hören kann, wie es bei der EP von Grim der Fall war, weiß ich noch nicht. Doch wie es im Refrain von „Alles brennt“ heißt: „Alles in uns brennt / In euch brennt’s, in uns brennt’s / Ihr seid keine Fans – wir sind eine Gang“. Ich fühle mich als Teil der Gang und bin sicher, dass die beiden Jungs hier ein Album abgeliefert haben, das ich jedem Rap-Fan ans Herz legen kann – unbedingt auschecken!

Playlist zur Sendung

Die Playlist enthält nur die gespielten Songs, die auch bei Spotify verfügbar sind.

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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