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Rezension: Der Mann – Wir sind der Mann

Scheibenkleister

In der Rubrik Scheibenkleister wühlt Ernst.FM für euch in der Plattenkiste. Jeden Freitag bespricht einer unserer Redakteure eine gute Neuerscheinung aus den letzten Wochen.

[004] Rezension: Der Mann – Wir sind der Mann

Hinter dem Projekt Der Mann stehen drei Mitglieder der Berliner Band Die Türen, eine Kölner Animationsfirma und der Maler Helmut Kraus. Das dazugehörige Album Wir sind der Mann besteht aus zwölf Songs über Einsamkeit und die Fehlbarkeit des Menschen. Und des Mannes. Es bewegt sich musikalisch irgendwo zwischen Singer-Songwriter, Hamburger Schule und Indiepop.

Hinter dem Titel des Albums Wir sind der Mann könnte sich durchaus eine bierernste Hymne an den modernen Durchschnittsmann verbergen. Glücklicherweise haben es Der Mann nicht so mit der Ernsthaftigkeit. In dem Song Von der Kneipe in Die Cloud besingen die Musiker ironisch das Mittelmaß des Mannes:

Ich steh’ nicht auf die Süddeutsche Zeitung, steh’ nicht auf den FC Bayern – nicht, dass ich was gegen Bayern hätte, doch das elitäre Gehabe ist nicht so mein Ding, ich steh’ mehr auf die einfachen Dinge im Leben. Ich glaub, ich neig’ zum Mittelmaß, ich neig’ zur Untertreibung, ich mag nicht so das Rampenlicht.

Das moderne Mannsbild definiert die Band aus Berlin mit vielen Antithesen und angenehm selbstironisch. Sie schaffen damit so etwas wie eine bessere Samy-Deluxe-Gegenrealität. Der hatte sich auf seinem 2014er Album Männlich dem selben Thema angenommen und war daran gescheitert. Maurice Summen singt dagegen klagend:

Was mich an Teenagern stört, sind ihre Pickel. Was mich an ihren Eltern stört, sind ihre Ratgeberbücher im Regal.

Oder auch:

Was mich am Sex stört, ist das Hinterher.

Hervorzuheben sei der Schlenker zu Liedermachern wie Götz Widmann und Olli Schulz am Ende des Albums. Ramin Bijan singt im schönen Singer-Songwriter typischen The rise of the reforming house zu schnellem Akustikgitarren-Geschrammel:

Doch selbst das Reformhaus braucht eine Reform. Und das Leben ist keine Pusteblume, das Leben ist kein Dinkelbrot. Das Leben ist nicht grob geschrotet und wäre das Leben ein Reformhaus – wäre ich lieber tot.

Poesie für die Seele, scharfe Metaphern und punkige Kritik an die Ökospießer und den gesellschaftlich erzeugten Leistungsdruck ziehen sich durch das ganze Album. Fast jede Zeile der Songs würde sich auch auf Turnbeuteln und T-Shirts gut machen.

Das Album wir sind der Mann gibt es als Kunstdruck-Vinyl-Edition bei dem Berliner Label Staatsakt oder in Hannover bei 25 Music.

Playlist zur Sendung

Die Playlist enthält nur die gespielten Songs, die auch bei Spotify verfügbar sind.

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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