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Hagida: „Welche Islamisierung? Wovon reden diese Menschen?“

Reportagen

Mikro in die Hand, raus aus dem Studio und rein in die Welt. Oder zumindest nach Hannover. Wir machen uns auf den Weg zu Orten und Menschen, die fremd oder vertraut sind. Indie-Festival auf einem Rittergut in Springe? Lego-Faszination in Hannovers Südstadt? Kiosk-Odyssee durch Linden? Wir sind dabei. Und dann ist da ja noch die Frage: Wie beeinflusst Unterwasserlärm eigentlich Schweinswale?

[003] Hagida: „Welche Islamisierung? Wovon reden diese Menschen?“

„Ich bin mir sicher, dass die Stadt so stark die Vielfalt lebt, dass ganz schnell klar wird, dass diese Hagida hier in Hannover keine Chance hat.“ (Regine Kramarek)

„Welche Islamisierung? Ich weiß nicht, wovon diese Menschen reden. Ich spüre davon nichts.“ (Soumaya Djemai-Runkel)

„Es werden ganz viele Ladengeschäfte in der Stadt ein Zeichen setzen. Sie haben jetzt bestätigt, dass sie das Licht ausmachen.“ (Jennifer Löffler)

Seit einigen Wochen formiert sich in Deutschland die Pegida-Bewegung. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes – unter diesem Namen versammeln sich in mehreren Großstädten tausende Menschen, um gemeinsam gegen den Islam zu protestieren. Hier treffen rechtsradikale Extremisten auf Eltern aus der Vorstadt, die Sorge haben, dass es in deutschen Kindergärten bald kein Schweinefleisch mehr gibt. Sie alle eint die Skepsis gegenüber dem Fremden, dem Islam. Heute findet die Demonstration erstmals in Hannover statt. Unter dem Kürzel Hagida, was für „Hannover gegen die Islamisierung des Abendlandes“ steht, werden laut Polizeiangaben bis zu 1.000 Menschen in der Innenstadt erwartet. Was treibt diese Menschen an, heute bei der Kälte auf die Straße zu gehen? Bürgermeisterin Regine Kramarek von den Grünen denkt Folgendes:

„Ich finde diese Bewegung natürlich mehr als bedauerlich. Ich glaube, es ist einfach ein großes Zeichen von Unzufriedenheit, dass diese Bewegung wächst. Und diese Unzufriedenheit hat natürlich ihre Gründe. Diese Gründe sehe ich in den momentanen wirtschaftlichen Entwicklungen, also wirtschaftliche Krisen, die die Leute verstören und verärgern. Es sind aber auch Fakten wie die wachsende Arbeitslosigkeit oder in vielen Fällen eine mangelhafte Bildungssituation.“

Doch dem Namen nach müsste es doch um die Islamisierung gehen. Soumaya Djemai-Runkel ist Muslimin und promoviert an der Leibniz Universität. Sie ist sehr gläubig und betet täglich fünfmal. Auch für sie ist die angebliche Islamisierung nur ein vorgeschobener Grund, Fremdenfeindlichkeit und die eigene Unzufriedenheit auf der Straße zu propagieren.

„Ich denke, das ist einfach ein Deckmantel. Das ist die Legitimation für diese Bewegung. Aber die Islamisierung gibt es nicht. Und die wird es auch nicht geben. Ich meine, ich würde das ja als Muslima in meinem Alltag merken. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Land, in dem die Mehrheit muslimisch ist und einem Land wie beispielsweise Deutschland. Das fängt schon im Alltag an. Wenn ich beten möchte, muss ich mir jedes Mal Gedanken machen: Wo finde ich diese eine Ecke, wo ich niemanden störe, wo ich einfach schnell mein Gebet verrichten kann.“

Auftrieb erhält die Bewegung durch die grausamen Anschläge in Paris. Radikale Islamisten hatten letzte Woche die Zeitungsredaktion Charlie Hebdo überfallen und dort zwölf Menschen getötet. Bei einer Geiselnahme am Folgetag kamen weitere vier Menschen ums Leben. „Je öfter so etwas passiert, desto mehr Wasser ist das natürlich auf die Mühlen der Rechten und derjenigen, die das für ihre kranken Ideologien einfach instrumentalisieren“, so Djemai-Runkel. Denn genau das passiert: Die Pegida-Organisatoren haben dazu aufgerufen, bei den heutigen Demonstrationen mit Trauerflor zu erscheinen. Wo permanent Hass gegen die sogenannte Lügenpresse geschürt wird, trauert man nun also paradoxerweise um getötete Journalisten. Pauschal werden außerdem gläubige Muslime mit den geisteskranken Attentätern in Verbindung gebracht. Dies ist eine katastrophale Vernetzung und entlarvt den blanken Irrsinn der Pegida-Bewegung.

„Es ist für uns sehr wichtig, dass die Mehrheitsgesellschaft dieses Signal wahrnimmt und sieht, dass die Muslime diese Meinung nicht teilen. Die Mehrheit der Muslime ist friedlich und teilt die demokratischen Werte, lebt seit Jahrzehnten hier. Wir verabscheuen solche Taten genauso wie jeder andere Mensch mit gesundem Menschenverstand auch.“ (Soumaya Djemai-Runkel)

Es ist nicht nur eine kleine Splitterbewegung, die in Deutschland reift. 18.000 Menschen waren letzte Woche unter dem Label Pegida allein in Dresden auf den Straßen. Darum ist es dringend notwendig, Maßnahmen gegen diese Entwicklung zu ergreifen. Bürgermeisterin Regine Kramarek hat zwei konkrete Ansätze im Blick:

„Wir müssen darauf achten, dass wir vor allem junge Leute mehr mitnehmen und mit einer besseren Bildung ausstatten, um solchen Strömungen entgegenzuwirken. Zudem richtet die Stadt […] zunehmend Projekte ein, die das Demokratieverständnis von Jugendlichen fördern sollen. Und das begrüße ich natürlich sehr, dass wir hier neu ansetzen und versuchen, solche Strömungen in Hannover einzudämmen.“

Für Djemai-Runkel ist der interkulturelle Austausch die beste Möglichkeit, um Grenzen abzubauen: „Ich glaube, diejenigen, die einfach Unwissenheit und Angst vor dem Fremden haben, kann man tatsächlich zum Dialog einladen. Da geht es darum, dass viele Organisationen die Türen öffnen.“ Allgemein fasst sie ihre Haltung gegenüber Pegida wie folgt zusammen:

„Es bereitet mir natürlich als Muslima schon Sorge, zu sehen, wie groß die Ängste gegenüber meiner Religion und gegenüber den Angehörigen meiner Religion sind. Aber auf der anderen Seite muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich diese Bewegung verstehe. […] Ich bin natürlich wie viele andere Menschen in Deutschland auch nicht damit einverstanden, dass man Menschen kollektiv verurteilt, dass man eine Religion derart dämonisiert und sie als per se schlecht darstellt. […] Aber gerade vor dem Hintergrund, dass wir natürlich Probleme haben mit durch den Islam legitimiertem Terrorismus von Menschen, die diese Religion missbrauchen, verstehe ich, dass Menschen in Deutschland Angst davor haben.“

Ein wichtiges Zeichen gegen die Hagida-Bewegung ist auch die heutige Gegendemonstration. Mit einer religionsübergreifenden Friedensandacht startet diese um 17.30 Uhr an der Marktkirche. In einer Menschenkette gehen tausende Demonstranten dann zur Kundgebung am Georgsplatz. Hier werden auch der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Oberbürgermeister Stefan Schostok erwartet. Die Gegendemonstration steht unter dem Titel „Licht aus für Rassisten“. Jennifer Löffler hat hierzu bei Facebook aufgerufen.

„Ich habe von der Geschichte in Köln erfahren: Licht aus für Rassisten – das ist eine bundesweite Aktion. Und da habe ich mich gefragt, warum in Hannover noch nichts passiert ist. Nur weil es bisher noch keine Pegida-Kundgebung in Hannover gab, konnte es ja trotzdem nicht sein, dass wir hier nicht aufstehen. In anderen Städten, zum Beispiel in der Partnerstadt Leipzig, wird eine Aktion stattfinden und in diesem Zusammenhang möchte eben auch ich mein Zeichen setzen.“

Mittlerweile haben über 10.000 Menschen bei Facebook angegeben, ihr Licht heute Abend ausschalten zu wollen. Auch Einkaufsläden in der Innenstadt und Institutionen wie die Staatskanzlei oder das Theater am Aegi machen heute um 17.30 Uhr das Licht aus. Die Oper bleibt ebenfalls dunkel. Hier findet die Schlusskundgebung der Hagida-Bewegung statt. Linksautonome planen allerdings, diese schon am Steintor zu stören. Jennifer Löffler distanziert sich von solchen Aktionen: „Ich hoffe, dass es das nicht geben wird. Es gibt Menschen, die die Pegida-Kundgebung blockieren wollen. Und es wird dazu aufgefordert, sofort einen Stopp herbeizuführen. Ich finde aber, man sollte sie erst einmal ziehen lassen. Die werden eh untergehen.“

Viele Veranstalter von Gegendemonstrationen wollen anonym bleiben. Löffler ist dank der Facebook-Veranstaltung aber sehr bekannt. Mit Einschüchterungen hat sie bislang keine Probleme:

„Hier und dort kam schon mal ein Post oder eine direkte Nachricht. Ich gehe da nicht wirklich drauf ein, sonst schaukelt sich das nur hoch. Ich guck mir das nur an und sammle alles. Ich hab mir Feedback von den Kölnern und anderen Gegendemonstranten geholt. Sobald es zu massiv wird, werde ich das gegebenenfalls alles der Polizei übergeben. Aber soweit ist es noch lange nicht. Da muss sich also keiner Sorgen machen. Wenn etwas ist, werde ich schon nach Unterstützung fragen. Aber ich habe das angezettelt, da muss ich jetzt also einfach durch.“

Wir sind dankbar für Jennifer Löfflers Engagement und hoffen, dass auch ihr heute Abend bei der Gegendemonstration für eine bunte und tolerante Gesellschaft eintretet.

„Muslim oder nicht Muslim – es spielt absolut keine Rolle. Letzten Endes sind wir alle Menschen. Und wenn wir das begriffen haben, dann hören wir hoffentlich damit auf, uns auf solche Sachen zu reduzieren und Ängste zu schüren.“ (Soumaya Djemai-Runkel)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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