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Zu spät

Leben am Limit

Wilde Verfolgungsjagden oder gefährliche Stunts erleben wir nicht jeden Tag. Doch weshalb unser Leben dadurch nicht weniger nervenaufreibend und spannend ist als das von James Bond, erzählen wir euch hier. Situationen, die im unmittelbaren Alltag geschehen. Situationen, die unseren Puls kurzfristig hochfahren lassen. Situationen, die unser Leben ans Limit führen.

[004] Zu spät

Foto: Baustelle Leben 354/365 von Dennis Skley (CC BY-ND 2.0)

Welche Hindernisse einem den Weg zur Uni erschweren können, wenn man verschlafen hat und was die mit The Fast and The Furious gemeinsam haben (oder auch nicht), hört ihr in einer neuen Ausgabe von Leben am Limit.


Ich öffne meine Augen. Dumpfes Licht fällt durch meine Vorhänge in mein Gesicht und blendet mich ein bisschen. Und mir wird klar: Mein Wecker hat mich heute im Stich gelassen. Dabei muss ich doch heute in der Uni einen Vortrag halten!

Ich reiße also hektisch meine Bettdecke zur Seite, stürze mich quasi vom Hochbett und krame irgendein Outfit aus dem Schrank, das ich noch auf meinem Weg durch den Wohnungsflur anziehe. In meinen Rucksack werfe ich, was sich innerhalb meiner Reichweite befindet und nehme die Stufen im Treppenhaus à trois. Die Jacke klemmt unter meinem Arm, weil mir jetzt schon viel zu warm ist, als dass ich sie anziehen möchte.

Irgendein Komiker hat die Ventile an meinen Fahrradreifen aufgedreht. Ja leck. Im Stechschritt, ach was sage ich, ich jogge los, zische über den Zebrastreifen, über die Ampel an der Kreuzung, weiter über die Querstraße. Ich werde je in meinem Tempo gedrosselt, als eine Baustellenabsperrung mit ihren rotweiß gestreiften Plastikplanken mir den engen Fußweg zwischen der Kraterlandschaft vorgibt. Einige Meter vor mir schiebt sich bereits eine Omi mit ihrem Rollator durch den Spalt zwischen den Absperrzäunen, sodass links und rechts kein Vorbeikommen ist. Ja leck. Ich habe nichts gegen Omis und auch nichts gegen Rollatoren, ich habe ja auch eine Omi und die hat auch einen Rollator, aber heute habe ich es halt auch einfach mal eilig. So richtig.
Die Omi scheint das bemerkt zu haben, schließlich drängle ich hinter hier schon seit einigen Metern. Hektisch blickt sie nach hinten, nach vorne, nach hinten und wieder nach vorne, versucht größere Schritte zu machen, atmen, atmen hat der Arzt gesagt, ihr Puls schnellt trotzdem in die Höhe und ihr Mund wird trocken, weil die Speichelproduktion bei dem Hechelatem nicht nachkommt. Zentimeter für Zentimeter bewegen wir uns nach vorne und ich habe das Gefühl, dass die Zeit rast, während die Omi es nicht tut. Ihre Schritte sind jetzt mittlerweile Hüftbreit, ein leichter Schweißfilm hat sich am Dauerwellenansatz gebildet. Sie wirft immer wieder einen Blick über ihre Schulter zu mir. Die kleinen Rollen ihres Wägelchens glühen. Hätte der Rollator einen Tacho gehabt, wäre dieser bestimmt überdimensional ausgeschlagen. Noch einmal im Leben ans Limit gehen.
Ich fühle mich ein bisschen schlecht, als ich direkt aus der Baustellenöffnung herauspresche und aus dem Augenwinkel sehe, wie sich die Omi erst mal schnaufend auf ihren Wagen setzen muss. Aber ich habe jetzt keine Zeit für Gefühlsduselei. Am Bahnhof angekommen schließt die S-Bahn vor meiner Nase die Türen und fährt davon, sodass ich nicht nur den Zug, sondern auch meinen Vortrag verpasse.

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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