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Fenster auf im Kopf – Interview mit dem Cameo Kollektiv

Lauschig

Handy auf stumm und das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür. Zeit, dass wir zu Sinnen kommen und uns mit den wirklich wichtigen Lebensfragen beschäftigen. Zum Beispiel, was guten Fotojournalismus ausmacht. Oder was es zu beachten gibt, wenn man seinen Pilotenschein machen möchte. Unsere Gäste bieten ungewohnte Einblicke, teilen ihre besten Anekdoten, Erfahrungen und Weisheiten.

[005] Fenster auf im Kopf – Interview mit dem Cameo Kollektiv

Uns ist aufgefallen, dass die deutsche Sprache im Ausdruck Gastfreundschaft als einzige Gast und Freund verbindet. Viele andere Sprachen tun das nicht.

Der 2013 gegründete Verein Cameo Kollektiv ist multinational und in Hannover ansässig. Das Kollektiv hinterfragt mit seiner Arbeit geläufige Denk- und Bildmuster zur sogenannten Flüchtlingskrise. Damit krempelt er sowohl die Ansichten politisch offener Menschen als auch Kritikern gewaltig um. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen rechtspopulistischen Einstellungen frönen, ist das auch mehr als notwendig.


Gastfreundschaft praktiziert das Cameo Kollektiv auf einer kreativen Ebene. Regelmäßig entsteht in seiner Schmiede gemeinsam mit Vertriebenen unterschiedlicher Nationalitäten das Cameo Magazin. Dieses rückt unter anderem die Sichtweise Vertriebener zu Themen wie ‚Ankommen‘ oder ‚Heimat‘ in den Mittelpunkt. Mehr über die Arbeit des Kollektivs erzählte uns Mitbegründer Sebastian im Interview.

Beim Cameo Kollektiv arbeiten viele Fotografen und für die war es besonders wichtig, andere Bilder zu generieren als die, die wir sonst ständig in den Medien um die Ohren geworfen bekommen.

Das Cameo Kollektiv hofft, auf diese Weise Begriffe und damit verbundene Vorstellungen von beispielsweise der Willkommenskultur anders gestalten zu können. Denn „aus Gästen können schließlich auch Freunde werden“, so Sebastian. Dafür ist aber die bewusste Distanzierung von Haltung und Bildern anderer Medien sowie die kritische Hinterfragung des Sprachgebrauchs Grundvoraussetzung.

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Der Unterschied zu anderen integrativen Ansätzen liegt im Team: Die Doppelbeleuchtung von Ideen und Projekten durch Geflüchtete und Einheimische führt zu einem realen Austausch. „Das funktioniert soweit ganz gut“, erklärt Sebastian, „ist zugegebenermaßen aber auch sehr anstrengend.“ Um einfach geht es dem Cameo Kollektiv aber nicht, sondern um die Frage „wie wollt ihr euch selbst darstellen, in diesem Kontext, in dem ihr hier und jetzt lebt?“ Egal ob man schon immer oder erst seit Kurzem in Deutschland ist. „Es sollte einfach mehrere Projekte in allen Gesellschaftsbereichen geben, die sich öffnen und versuchen, neue Netzwerke zu gründen, um zu schauen, wie wir zusammen Lösungen erarbeiten können“, findet Sebastian.

Wie kommen wir wieder auf eine Bildsprache, die eben den Menschen hinter dem Stigma des Flüchtlings wieder herausarbeitet? Und welche Worte muss ich eigentlich dafür finden, um einen Integrations-Prozess aufrechtzuerhalten.

Pauschale Problemlösungen – die greifen für das Cameo Kollektiv nicht ausreichend. Beispielsweise kann die individuell entspringende Angst vor Unbekanntem nicht mit einem Einheitsschema bekämpft werden.

In der ganzen Medienwelt wird versucht, das Fremde zu erklären. Darunter fallen aber häufig auch negative Aspekte. Wenn ich selbst nicht den Drang habe, mir die Welt anzuschauen oder mich vom Gegenteil meiner Angst zu überzeugen, dann ist es logisch, dass hier eine Angst existiert. Das heißt, man muss die Menschen auch dazu ermutigen, diese Angst, beispielsweise durch Begegnungen, zu minimieren.

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Das leidige Thema mit der Angst vor Unbekanntem. Dass leider nicht alle Menschen so eine klare Vorstellung von Integration haben wie das Cameo Kollektiv, ist klar. Deshalb lädt der Verein sogenannte besorgte Bürger oder Kritiker zum Dialog ein. So auch 2015 in Leipzig im Zuge einer Cameo-Ausstellung, die auf dem Platz stattfand, auf dem sonst die Legida demonstriert. „Die stand dort drei Wochen lang“, erklärt Sebastian, „ein Wochenende waren wir mit dabei und haben versucht mit den Menschen zu sprechen. Die Betonung liegt auf ‚versucht‘. Das ist bestimmt auch eine Erfahrung, die mich zur Erkenntnis gebracht hat, dass die Integration nicht nur Veränderung bei Menschen anderer Kulturen bedarf – sondern auch bei denen der eigenen.“

Wen muss man eigentlich integrieren? Müssen wir die Leute integrieren, die hier herkommen und einfach Bock haben? Davon kennen wir aus unserem Projekt mehr als genug, die einfach mit anpacken und ihren Beitrag leisten wollen.

Die Vision, das Umdenken sowie die Arbeit des Cameo Kollektivs kostet Kraft und erfordert Geduld und Willen. „Aber es ist schön zu sehen, dass eben gerade Menschen, die sich isoliert fühlen in unserer Gesellschaft, immer wieder kommen. Und auch merken: So, hier habe ich genau das gleiche Stimmrecht wie jeder andere. Hier kann ich mich und meine Fähigkeiten so einbringen, dass das Gesamtziel erreicht wird.“ Der Lohn, Denkanstöße zugeben, ist die Anstrengung wert. Nur so kann gegen Diskriminierung vorgegangen werden. Nur so können aus Flüchtlingen Freunde und die Mauern der Angst mancher Menschen abgebaut werden. Denn für Sebastian sind diese sowieso ein unnötiges Konstrukt. Sowohl die gedanklichen als auch die tatsächlichen Ländergrenzen. „Warum sollte man irgendwas eingrenzen, was sowieso ballrund ist?“

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Interview und Moderation: Annemarie Wiese
Text: Amandine Cormier
Fotos: Savannah Welzel
Leitung: Clara Ehrmann
Mit tatkräftiger Unterstützung des Teams Backstage/Lauschig

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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