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Nagel: „Am liebsten würde ich in Unterhose reisen.“

Kultur in Hannover

Kultur ist ein großes Puzzle. Wir setzen die Teilchen zusammen und als Motiv entsteht: Hannover. UNESCO City of Music, niedersächsische Landeshauptstadt, Messezentrum… Die Stadt ist vollgestopft mit tollen Menschen und Veranstaltungen. Egal, ob die Band aus dem Proberaum nebenan oder der Direktor des Museums – Ernst.FM hat für jeden Hörer das passende Puzzleteil.

[011] Nagel: „Am liebsten würde ich in Unterhose reisen.“

Nagel macht eigentlich alles, was mit Kunst zu tun hat: Singen, Schreiben, Fotografieren und Linoldrucken. Dabei reist er um die Welt. Früher war er Leadsänger der Punk-Band Muff Potter, mittlerweile ist er als Autor unterwegs. In seinem neuen Werk „Drive-By Shots“ erzählt er in kurzen Geschichten und Fotos von seinen Erlebnissen aus Algerien, Vancouver oder Ilmenau. Seine Lesereise startete Nagel in Hannover. Laurenz hat ihn vor seinem Auftritt im Béi Chéz Heinz getroffen und ihn mit Zitaten zum Reisen konfrontiert. Zitate von Literaten wie Mark Twain und Oscar Wilde, aber auch von Instagram-Nutzern wie nativecreative und itsbohemian.


„Es gibt kein sichereres Mittel festzustellen, ob man einen Menschen mag oder nicht, als mit ihm auf Reisen zu gehen“, sagte Mark Twain. Warum reist du lieber alleine?

Alleine ist man auf Reisen spontaner und wendiger. Außerdem finde ich lange, uninteressante Strecken alleine viel erträglicher, zum Beispiel wenn man beim Check-In im Flughafen warten muss. Da kommt bei mir immer schlechte Laune auf, aber das ist okay für mich, solange meine schlechte Laune nicht von einem Gegenüber gespiegelt wird. Mit Begleitung entsteht so ein Stress, weil ich meine schlechte Laune nicht weitergeben möchte. Genauso möchte ich keine schlechte Laune davon bekommen, dass andere schlecht gelaunt sind. Viele Situationen beim Reisen sind alleine einfach wesentlich entspannter. Das heißt aber nicht, dass ich soziophob bin. Manchmal reise ich auch mit anderen Leuten.

„Vielleicht verfahre ich mich auf dem Weg zur Arbeit einfach mal, zum Beispiel ans Meer“, sagt Travelbook auf Facebook. Wie spontan reist du los?

Das Verfahren oder das Verlaufen ist ja eigentlich gar nicht mehr möglich, seit wir ständig mit Google Maps unterwegs sind. Das ist sehr schade, weil oft gerade in solchen Situationen die interessanten Dinge geschehen. Mein Buch ist dafür das beste Beispiel: Die wirklich guten Geschichten sind mir aus Versehen passiert. Manchmal biegst du ungeplant ab und plötzlich kommt eine Frau vorbei, schenkt dir ihre Kamera und ihr verbringt einen verrückten Tag miteinander. Davon handelt das erste Kapitel. Deswegen bin ich eigentlich schon ein großer Fan des Verlaufens. Aber von wem ist das Zitat? Travelbook? Gerade die tun ja wirklich alles dafür, dass man sich nicht verläuft und dass man immer weiß, wer gerade wo ist und wie es wem geht. Es ist fast zynisch, wenn Travelbook so etwas sagt.

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, sagte Goethe. Wie reist du am liebsten?

Da hat Herr Goethe absolut Recht. Ich bin vor ein paar Wochen von Spanien durch die Pyrenäen nach Frankreich gefahren und auf einmal waren da diese „Andorra“-Schilder. Stimmt, dieses Land gibt es ja auch noch, dachte ich mir. Kennt man ja eigentlich nur aus dem Max-Frisch-Roman. Meine Freundin und ich fanden, dass wir dort auch mal einen Fuß auf den Boden setzen sollten. Tatsächlich war es aber unfassbar langweilig. Andorra ist eine reine Steueroase und ein Wintersportgebiet. Anfang September gab es dort überhaupt nichts zu tun. Wir saßen also nur zwei Stunden im Auto, sind einmal kurz ausgestiegen und dann direkt weiter. Klar, ich könnte es auf einer Liste abhaken, wenn ich denn eine hätte, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich in Andorra gewesen wäre. Aber generell mag ich Abwechslung: Ich mag den öffentlichen Nah- und Fernverkehr, ich mag Züge. Busse gehen so, sind aber hin und wieder unvermeidlich. Und manchmal fahre ich auch gerne selbst mit dem Auto. Das Flugzeug nehme ich eigentlich nur, um größere Strecken zu überwinden und auch dann nicht besonders gerne. In Städten laufe ich tatsächlich am liebsten.

„Travel requires both hands, wear a backpack“, sagt nativecreative auf Instagram. Welches Gepäckstück hast du beim Reisen dabei und welche Gegenstände nimmst du immer mit?

Ich reise gerne mit leichtem Gepäck. Vor allem in Städten lade ich meine Sachen meistens im Hotel ab und bin dann mit so wenig wie möglich unterwegs. Da ich aber manischer Tagebuchschreiber bin, habe ich immer mindestens eine Tasche mit einem Buch und verschiedenen Stiften zum Dokumentieren dabei, außerdem eine Kamera, Musik und meistens ein Buch oder eine Zeitung zum Lesen, sodass man gewappnet ist gegen jede Art von Langeweile. Theoretisch würde ich am liebsten in Unterhose reisen, aber praktisch habe ich dann doch immer viele Sachen dabei.

Nagel

„Überall, wo Fremde selten sind, werden sie gut aufgenommen“, sagte Rousseau. Meidest du daher Orte, an denen viele Touristen sind?

Nein, ich bin ja selbst Tourist, deshalb finde ich es albern, über Touristen zu lästern. Natürlich macht man das manchmal, weil viele einfach blöd sind, aber das liegt eben daran, dass generell viele Mitmenschen blöd sind. Da unterscheidet sich der Tourist nicht von jedem anderen. Und wenn ich in Kambodscha bin, dann schaue ich mir natürlich auch Angkor Wat an. Solche Orte gezielt zu vermeiden, wäre mir viel zu viel stressige Distinktion.

„And then I realized adventures are the best way to learn“, sagt itsbohemian auf Instagram. Suchst du gezielt nach Erlebnissen? Gehst du also abends auf Teufel komm raus noch in die Stadt oder legst du dich ins Bett, wenn du müde bist?

Niemand kann 24/7 auf total hoher Flamme brennen. Ich bin zwar schon ziemlich rastlos und ständig unterwegs, aber das mache ich für mich, weil mich die Orte interessieren, und nicht in erster Linie, weil ich Geschichten suche, über die ich schreiben kann. Wenn man mit dem Mietwagen durch New Mexico fährt und es nichts Interessantes zu tun gibt, ist es aber auch manchmal das Beste, einfach am Motel anzuhalten und dort den Abend zu verbringen.

„Schade, daß ich mein Tagebuch nicht mitnahm. Man sollte auf langen Zugfahrten stets etwas Spannendes zu lesen haben“, sagte Oscar Wilde. Was machst du auf langen Zufahrten?

Der gute Oscar Wilde, das gefällt mir natürlich! Ich habe mein Tagebuch wie gesagt immer dabei, aber ich lese nicht darin, sondern schreibe es voll mit trivialem, banalem Quatsch, den sich kein Mensch jemals durchlesen möchte, mich eingeschlossen. Abgesehen davon lese ich schon viel, wobei ich mich leicht ablenken lasse. Gerade jetzt auf Tour genieße ich deshalb die Stunden im Zug, in denen ich gezwungen bin, sitzenzubleiben, in denen ich nicht viel machen kann, kein Internet habe, aus dem Fenster gucke, in der Nase bohre, schlafe oder darüber nachdenke, ob ich noch eine Fahne von gestern habe und ob der Typ neben mir davon genervt ist.

„Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise gehen in die Tavernen“, sagte Erich Kästner. Wieviel Rausch ist gut auf einer Reise?

Im besten Fall ist ja die Reise selbst ein Rausch. Aber natürlich kann man das mit Räuschen anderer Art kombinieren, ich bin pro Rausch. Das ist ein gutes Zitat von Kästner, mir geht es oft ähnlich. In meinem Buch erzähle ich viel häufiger die Geschichten vom schmierigen Graffiti im Museums-Klo als solche über das Museum selbst. Das sagt meistens viel mehr aus über das Hier und Jetzt eines Ortes als die vermeintlichen Sehenswürdigkeiten. „Sehenswürdigkeit“ ist ja eh ein fragwürdiger Begriff. Wer entscheidet denn, was würdig ist, gesehen zu werden? Ich empfinde das schmierige Graffiti oder die Taverne oft als sehenswerter. Manchmal gehe ich aber trotzdem ins Museum.

„Travel, it leaves you speechless then turns you into a storyteller“, sagt photobookww auf Instagram. Wann hast du gemerkt, dass deine Geschichten erzählenswert sind?

Die Entstehung von „Drive-By Shots“ geht im Prinzip auf Lesungen zurück, wie ein Live-Album einer Band sozusagen. Ich habe Fotos gezeigt und Geschichten erzählt, die nach und nach immer länger wurden. Die Fotos waren ganz gut, deswegen bin ich irgendwann auf die Idee gekommen, dass man daraus eigentlich ein Buch machen müsste. Mir geht es gar nicht darum, dass ich wahnsinnig aufregende Abenteuer erlebt hätte und an den exotischsten Orten der Welt gewesen wäre. In vielen Texten aus dem Buch passiert überhaupt nichts Außergewöhnliches. Es geht eher um kleine Beobachtungen, die auf irgendeine Weise zu einer Geschichte geführt haben. Mein Ansatz ist also wie der von Max Gold, der über totale Banalitäten mit einer solchen Sprache, mit einer Wucht, mit einer Originalität schreibt, dass man es unbedingt lesen möchte. Das begeistert mich als Leser und ist gleichzeitig mein Anspruch als Autor.

Nagel im Béi Chéz Heinz

„Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“, singt Peter Wackel auf Mallorca. Ich mag es sehr, dass du wenig wertest oder vergleichst. Aber ganz ehrlich, was wäre der absolute Horrorurlaub für dich?

Genau das wahrscheinlich, Malle. Aber ich glaube, dass ich mich, wenn ich alleine irgendwo bin, mit fast allem arrangieren kann und immer etwas Interessantes für mich herausziehen kann – zumindest für eine kurze Zeit, nicht unbedingt für eine ganze Woche am Stück. Dieses Jahr war ich zum Beispiel in Kuba in einer All-Inklusive-Hotelanlage, Bändchenpuff nennt man das ja auch. Ich habe für eine Buchidee recherchiert, ansonsten wäre ich dort nicht gelandet und hätte es wahrscheinlich auch nicht ausgehalten. Ich wollte mich aber nicht nur darüber lustig machen, das wäre ja – wie Malle – ein „easy target“. Bei genauerer Beobachtung entdeckt man interessante Verhaltensweisen bei den Leuten. Mit einem solchen Zugang fand ich es schon sehr interessant.

Ich habe dich neben Zitaten von Schriftstellern auch mit Sprüchen von Instagram oder Facebook konfrontiert. Wie siehst du als Experte diesen Trend, seine Reisen permanent im Netz zu dokumentieren?

Ich sehe mich überhaupt nicht als Reiseexperte. Genau genommen habe ich erst sehr spät mit dem Reisen angefangen, in meiner Familie wurde nicht gereist. Ich war früher die ganze Zeit Punk, faul und arm. Ich hatte kein Geld zum Reisen, war aber immerhin mit meiner Band viel unterwegs. Das erste Mal geflogen bin ich mit 23. Aber ich finde diesen Trend schon schwierig, ständig Sozialpunkte sammeln zu müssen und diese Distinktion anzustreben, an exotischeren Orten unterwegs zu sein und verrücktere Sachen zu machen als der Freundeskreis. Das ist genau das, was mich langweilt. Diese Sichtweise versuche ich auch in meinem Buch zu vermitteln.

Es muss also gar nicht der weite Weg nach Vietnam sein, sondern du könntest heute Abend auf dem Weg vom Béi Chéz Heinz ins Hotel noch spannende Reiseerfahrungen sammeln?

Ganz genau, im Buch gibt es auch ein Thüringen-, ein Bremen- und ein Hessen-Kapitel. Es geht mir darum, die Augen offenzuhalten. Das beste Beispiel ist für mich der Provinzbahnhof in Thüringen: Der ist für mich viel exotischer als eine Stadt wie New York, die zwar toll ist, wozu mir aber überhaupt nichts eingefallen ist. Diese Stadt ist auserzählt und kommt mir total vertraut vor, weil ich mit der Popkultur, mit der Musik, den Filmen, den Fotos und der Kunst aufgewachsen bin. Mühlhausen oder Ilmenau – das ist fast ein bisschen aufregender.


Nagels Buch „Drive-by Shots“ ist im März 2015 erschienen und kann bei Superbuy bestellt werden.

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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