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Vierkanttretlager: „Wir geben viel zu vielen Dingen viel zu viel Bedeutung.“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[014] Vierkanttretlager: „Wir geben viel zu vielen Dingen viel zu viel Bedeutung.“

Foto: Community Promotion

Vierkanttretlager können mit dem Smartphone umgehen. Spätestens seit ihrem wunderbar charmanten Video zur Single „Kaktusblüte“ ist das bekannt, es ist nämlich mit einer einzigen Handykamera gefilmt. Wir haben die Band deshalb zu einem besonderen Interview eingeladen – über WhatsApp. Einen Tag vor dem Release ihres Albums „Krieg & Krieg“ haben wir mit Sänger Max Richard Leßmann Sprachnachrichten hin und her geschickt und mit ihm über die neue Platte geredet.

  • Max (Vierkanttretlager)

    Moin

  • Max (Vierkanttretlager)

    Hier Max von Vierkanttretlager

  • Martin (Ernst.FM)

    Hi Max. Martin hier. Führst du das Interview mit mir?

  • Max (Vierkanttretlager)

    Ja ganz genau

  • Martin (Ernst.FM)

    Dann legen wir mal los.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Hallo Max! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns nimmst und bei unserem kleinen WhatsApp-Sprachnachichten-Interview mitmachst. Schickst du auch privat Sprachnachrichten herum oder machst du das bloß für uns?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Ich würde so etwas niemals tun. Ich komme mir dabei gerade sehr albern vor. Normalerweise beobachte ich immer nur kleine Mädchen in der Bahn und habe mich bis vor Kurzem noch sehr darüber gewundert, was die da eigentlich tun. Jetzt weiß ich es.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Dann geht es dir ja ganz ähnlich wie mir. Ihr dient aufgrund eurer klugen Texte ja öfter mal als Aushängeschilder für deutsche Sprache in der Popmusik. Was bedeutet euch als Band überhaupt die deutsche Sprache?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Eigentlich nicht mehr, als dass wir in dieser Ecke des Hühnerstalls geboren wurden, den man die Welt nennt. Ansonsten bedeutet uns das nicht besonders viel. Das ist nun mal die Sprache, der wir täglich ausgesetzt sind und darum auch die Sprache, in der wir uns Ausdruck verschaffen. Aber so eine große Bedeutung würde ich dem jetzt nicht zumessen. Ich glaube, dass man sowieso viel zu oft viel zu vielen Dingen viel zu viel Bedeutung gibt.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Apropos deutsche Sprache: Mit dem Intro-Magazin habt ihr über das Jugendwort #YOLO geredet. Du hast da gesagt, dass „in #YOLO eine Chance steckt, die größer ist, als die Chance, in die Disko zu gehen“. Kannst du das erklären?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Das ist schon etwas, das auf unserem letzten Album vorkam, unter anderem in dem Song „Gib deinem Leben keinen Sinn“. Es geht darum, sich seiner eigenen Sterblichkeit und der Endlichkeit des Seins bewusst zu werden und daraus zu schließen, dass es völlig egal ist, was man tut. Wenn man das begriffen hat, ist der logische Schritt für mich, nicht Quatsch zu machen, sondern die wenige Zeit, die ich habe, zu nutzen. Weil sie umso wertvoller ist, ich aber umso weniger Furcht haben muss. Das ist das, was ich meine: Wir können tun, was wir wollen. Und das muss nicht immer etwas Negatives, Selbstzerstörerisches oder Kleines sein, sondern es kann auch etwas Großes sein. Das hört sich sehr schwelgerisch an, aber es ist sehr ernst gemeint.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Siehst du da ein Problem in unserer Generation? Dass die ihre Zeit nicht vernünftig nutzt? Euer Gitarrist Christian hat mal im Interview mit jetzt.de gesagt, dass „unsere Generation irgendwie unnormal ist.“

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Ich glaube, Christian hat in diesem Fall etwas vorschnell von sich auf andere geschlossen. Ein allgemeines Problem ist natürlich schwer auszumachen. Aber gerade wir als Kultur- und Medienschaffende sind in der Pflicht, das nicht noch zu befeuern – und sollten deshalb nicht nur Lieder übers Longboardfahren und Tequilatrinken machen. Das könnte dann nämlich schnell den Eindruck erwecken, dass es so wäre.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Folgenden Post habe ich auf eurer Facebook-Seite gelesen: „Liste der Menschen, die auf „Krieg & Krieg“ gedisst werden: 1. Alle.“ – Wie kriegt man es hin, auf einem einzigen Album die ganze Menschheit zu dissen?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Ich möchte da eigentlich gar nicht zu viel vorwegnehmen. Nach diesem Post habe ich mich sehr gefreut, weil ich heimlich wusste, dass es zwar ein guter Gag ist, aber auch stimmt. Das herauszufinden überlasse ich den Leuten aber selber. Ich möchte nicht einen Tag vor Release schon die ganze Spannung wegnehmen. Deswegen: Hört gut hin und es wird euch gewahr werden!

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Fast durch euer gesamtes Album zieht sich das Thema Krieg. Gleichzeitig ist das Album aber auch sehr alltagsnah. Wo verbirgt sich denn der Krieg im Alltag?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Das ist ein sehr ambivalentes Thema. Da gibt es viele Antworten drauf. Ich versuche jetzt mal, ein paar davon zusammenzufassen: Der Mensch in der westlichen Welt, also wir, geht sehr interessant mit dem Thema um. Auf der einen Seite will er den Krieg, den es auf der Welt gibt, ganz weit von sich fernhalten. Damit meine ich nicht nur militärische Auseinandersetzungen, sondern generell negative Dinge auf der Welt, die schädlich für Menschen sind oder Menschen ausbeuten. Und auf der anderen Seite ist da so eine Sensationslust. Man möchte also, dass es ganz weit weg ist, aber man möchte immer wieder Teile davon serviert bekommen – auch um im Abgleich festzustellen, dass das eigene Leben irgendwie gut ist und nicht so schlimm, wie das Anderer.
    Zudem gibt es, glaube ich, für jeden Menschen innere Kämpfe. Ob man das unbedingt Krieg nennen muss, ist schwierig. Wenn man sich mit der islamischen Religion auseinndersetzt, lernt man, dass es den großen Dschihad und den kleinen Dschihad gibt. Der große Dschihad ist in erster Linie der Kampf gegen sich selbst. Und der kleine ist dann erst der, der nach Außen geht. Ich finde diese Unterteilung sehr sinnig, weil ich glaube, dass vieles Äußere vermieden werden kann, wenn man sich innerlich mehr mit sich auseinandersetzt und sich selbst reflektiert. Und wenn man versucht, ein gutes Gefühl für und von sich selbst zu haben. Ich glaube, wenn sich so eine gewisse Zufriedenheit im Zusammenspiel mit dem Wissen um die Fehlbarkeit einstellt – das könnte diesen Planeten etwas besser machen.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Von Axel Bosse ist überliefert, dass er eure erste Platte gehört und sofort an Husum gedacht hat – ohne zu wissen, dass ihr daher kommt. Wie viel Husum steckt denn noch in „Krieg & Krieg“?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    27,43 Prozent.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    War das auf eurem Vorgänger „Die Natur greift an“ mehr?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Für mich lässt sich das tatsächlich nicht so einfach beziffern. Die Frage stellt sich mir aber auch gar nicht so. Ich fand das damals sehr lustig, dass es für Aki (Spitzname von Axel Bosse, Anm. d. Red.) so war, weil mir das selber gar nicht so wichtig vorkam. Ob das jetzt das Entscheidende an dieser Platte ist, weiß ich auch nicht. Bestimmt färbt der Ort, an dem man lebt, immer ein bisschen auf einen ab. Aber in diesem Fall spielt das nur eine sehr, sehr kleine Rolle.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Wenn ich mich richtig erinnere, habt ihr im Vorstellungsvideo zu Stefan Raabs Bundesvision Songcontest gesagt, dass der schönste Ort in Schleswig-Holstein bei einem Turbostaat-Konzert in Husum ist. Seid ihr sehr heimatverbunden?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Es ist sehr schön da, weil es sehr ruhig ist. Und man hat sehr selten Handyempfang. Das ist sehr gut. Turbostaat sind auch an jedem anderen Ort der Welt gut. Das waren also eher Props, wie man im Hip-Hop sagt, für Turbostaat. Natürlich finden wir auch Husum schön. Aber das ist jetzt kein Wallfahrts- und Pilgerort für uns. Unsere Familien leben da und wir sind vor allem wegen denen gerne dort.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    In einem Interview zu „Die Natur greift an“ wurdet ihr gefragt, ob das nächste Album etwas lebensbejahender wird. Du hast da bloß gelacht und „Krieg & Krieg“ ist tatsächlich eher noch düsterer als der Vorgänger. Was kann da noch kommen?

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er das Album zu verstehen hat. Aber um mal so eine Richtung anzubieten, wie man das verstehen kann: Wir freuen uns nicht über die Erkenntnisse auf dem Album und sind nicht glücklich darüber. Wir finden sie aber teilenswert. Gleichzeitig wünschen wir uns natürlich, dass wir damit auf Widerspruch stoßen – dass es Argumente dafür gibt, warum der Mensch zu retten ist. In dem Sinne ist „Krieg & Krieg“ für mich persönlich ein lebensbejahendes Album, weil es durch einen inneren Kahlschlag versucht, sich freizumachen. Und dieser Schlusspunkt ist für mich auch ein Beginn. Daran lässt sich für mich als Künstler und als Mensch anschließen, weil man sagt: „So möchte ich nicht leben, so möchte ich nicht sein. Ich möchte kein Mensch sein, der in dieses Muster passt.“ Hoffnung auf Hoffnung gibt es weiterhin. Und es wird vieles darauf folgen – hoffentlich.

  • Martin (Ernst.FM) Play
    00:00

    Dann bedanke ich mich für das Interview und wünsche euch viel Erfolg und Spaß mit dem Album und auf eurer Tour. Danke, Max!

  • Max (Vierkanttretlager) Play
    00:00

    Ich danke dir. Bis bald!


Moderation, Redaktion & Produktion: Martin Wiens
Technische Umsetzung: Nicolas Schabram


Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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