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Twin Red: „Wir werden inzwischen mit den Bands unserer Kindheit verglichen“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[038] Twin Red: „Wir werden inzwischen mit den Bands unserer Kindheit verglichen“

André Förster & Thilo Schnittger von Twin Red

Wenn es um Gitarrenmusik aus Hannover geht, denken viele Leute meistens recht schnell an so eine Hardrock-Band, deren Sänger gerne pfeift. Twin Red, eine fünfköpfige Band mit (Teil-)Sitz in Hannover, könnte dieses Bild künftig vielleicht ein bisschen korrigieren: Auf ihrem zweiten Album „Please Interrupt“ (VÖ: 27. Mai) spielen sie melodiöse Rockmusik, die an die guten Tage der Neunzigerjahre erinnert. Sänger André Förster und Schlagzeuger Thilo Schnittger waren bei uns im Studio, um ein wenig über die neue Platte zu sprechen – und über eine nicht ganz freiwillige Umbenennung.


Ihr seid ja durchaus schon ein paar Jahre länger dabei, aber nicht von Anfang an als „Twin Red“.

André: Genau. Wir haben uns gegründet zweitausend …

Thilo: … zwölf, im Februar …

André: … unter dem Namen Client. Unter dem Namen haben wir auch schon recht viel Musik rausgebracht. Unbenannt haben wir uns vor drei, vier Monaten – in Twin Red.

Und wie kam es dazu?

Thilo: Es gibt noch eine andere Band mit dem gleichen Namen, so eine Girlie-Elektropop-Band aus England. Von denen haben wir eines Tages eine E-Mail bekommen, in der sie uns direkt mit dem Anwalt gedroht haben, dass wir unseren Namen ändern sollen. Und na ja, dann mussten wir das schnellstmöglich in die Wege leiten. Der Name Twin Red ist entstanden und wir haben die Umbenennung straight durchgezogen.

Die hatten also schon das längere Namensrecht?

Thilo: Genau, die hatten sich den Namen sogar schützen lassen. Das haben wir überprüft, das war also rechtlich schon okay von denen.

Ihr seid eigentlich nicht aus Hannover. Wie seid ihr hier gelandet?

André: Genau, wir kommen ursprünglich aus Celle, oder zumindest aus dem Celler Umkreis. Das Studium hat uns nach Hannover geführt. Aber unsere beiden Gitarristen wohnen im Osten, einer in Berlin, einer in Jena – ebenfalls studienbedingt.

Am 27. Mai erscheint eure neue Platte „Please Interrupt“ – euer zweites Album und das erste unter dem Namen Twin Red. Im Vergleich zu euren älteren Songs seid ihr etwas ruhiger geworden. War das eine bewusste Entscheidung, oder ist das einfach passiert?

André: Das haben wir bewusst so gemacht, weil wir einfach mal ausprobieren wollten, was wir songtechnisch sonst noch so schreiben können. Wir wollten auch einfach weg von diesem punkigen Stil, der ja vorher schon etwas härter war. Das lag auch daran, dass wir privat viel neue Musik für uns entdeckt haben, die ruhiger ist. Wir haben also mal das Zerren aus den Gitarren genommen und unser Augenmerk auf schönklingende Chorusse gelegt – und so haben wir uns in den neuen Sound eingefahren.

Promotexte sollte man nicht immer ganz so ernst nehmen, aber mir ist da etwas aufgefallen: Bei euch fallen ganz viele große Namen. Dinosaur Jr., Elliott, Sensefield, Jimmy Eat World, sogar Oasis. Ich schätze mal, dass das in einigen Berichten oder Rezensionen aufgegriffen wird. Wie geht ihr damit um? Findet ihr das eher blöd? Oder hilft das? Hättet ihr das lieber anders gehabt?

André: Wir freuen uns natürlich, wenn andere Leute sagen, dass sie Parallelen zu großen Bands raushören. Nicht immer natürlich, aber wir finden es jedenfalls besser, als wenn wir mit den typischen Bands aus England oder den USA verglichen werden – zum Beispiel mit Basement oder Superheaven, mit denen man schnell mal in einen Topf geworfen wird. Es ist schon schön, dass es uns gelungen ist, nun eher mit Bands verglichen zu werden, die uns seit unserer Kindheit prägen, zum Beispiel mit Jimmy Eat World.

Gab es denn sonst noch Bands oder Alben, die euch ganz konkret beeinflusst haben bei „Please Interrupt“? Oder ist das alles eher vage und nicht auf spezifische Künstler zurückzuführen?

André: Solche Einflüsse sind schon eher vage. Aber was wir viel gehört haben, war Oasis, vor allem „What’s the Story?“. Ansonsten habe ich auch noch viel Sugar gehört. Das ist die Nachfolgerband von Hüsker Dü – so eine Skate-Punk-Indie-Geschichte. Und eben auch viel Jimmy Eat World.

Bei eurem neuen Album ist nicht nur die Musik in Eigenregie entstanden. Euer Gitarrist hat beispielsweise auch die grafische Gestaltung selbst übernommen. Wolltet ihr bewusst möglichst viel Kontrolle über das Album behalten? Oder spielten da auch einfach pragmatische Kostengründe eine Rolle, sodass ihr alles selbst gemacht habt, was ihr selbst machen konntet?

Thilo: Eigentlich sollte das ein Kumpel aus Köln machen. Das geriet aber in Verzug, weil er krankheitsbedingt ausgefallen ist. Deshalb einigten wir uns darauf, dass wir das selbst durchziehen, damit wir schnellstmöglich ein Ergebnis haben und die Veröffentlichung der Platte nicht hinauszögern müssen. Es sollte nämlich eine Sommerplatte werden.

André: Wir hatten bei der letzten Platte schon Probleme im Presswerk und mussten die Platte später als geplant veröffentlichen. Das wollten wir diesmal vermeiden.

Thilo: Unser Gitarrist war auf einer Medienschule und kennt sich deshalb im Designbereich aus. Mit unseren Ideen und Denkanstößen hat das dann gut geklappt.

Stichwort „Presswerk“ und „Verzug“: Ich habe bei eurem Label gesehen, dass ihr das Album ja auch in verschiedenen Varianten als Platte rausbringt und die eine, die besonders limitiert war, ganz schnell weg war. Wie ist das so, wenn sich 100 Exemplare nach … waren es zwei Tage, ein Tag …?

Thilo: … acht Stunden waren es, glaube ich. Die Splattered-Edition war schon am ersten Tag ausverkauft.

Vielleicht eine blöde Frage, aber fühlt sich das dann irgendwie gut an, weil man merkt, dass man die letzten Jahre offenbar etwas richtiggemacht hat?

André: Ja, Rockstar, ne? (lacht) Nee klar, wir freuen uns. Aber das hat auch viel damit zu tun, dass wir ursprünglich aus dieser Hardcore-Punk-Ecke kommen, wo man sich viel gegenseitig unterstützt. Da gab es schon so eine Art Community, eine Gemeinschaft. Ich könnte schwören, dass ich von den 100 Käufern mindestens 85 persönlich kenne. Eigentlich haben wir damit auch ein bisschen gerechnet. Wäre es anders gekommen, hätten wir tatsächlich gedacht, dass wir etwas falsch gemacht haben. Und so wissen wir halt, das waren viele Freunde, viele Bekannte. Das hat uns aber dennoch natürlich gefreut!

Thilo: Man hofft trotzdem immer noch auf mehr. Klar, wenn man die Zahl hört, ist das schon cool, aber man will dann immer noch mehr erreichen. Ich denke, im Laufe der Zeit werden noch mehr Bestellungen reinkommen.

André: Es ist jetzt ja auch nicht so, dass es umsonst ist, so eine Platte aufzunehmen. Von daher müssen wir eben auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen. Je mehr Platten verkauft werden, desto mehr werden auch wir und unser Label finanziell wieder entlastet.

Habt ihr die Platte komplett selbst finanziert?

André: Ja, also zumindest die Aufnahmen. Das Plattenpressen und so übernimmt dann glücklicherweise das Label. Aber der Betreiber ist mittlerweile auch ein sehr guter Freund von uns geworden, und wenn wir ihn als Quasimitglied der Band einberechnen, dann haben wir es so gesehen schon komplett selbst finanziert.

Wie viele Platten müsst ihr verkaufen, damit es sich rechnet?

André: Schwer zu sagen. Ich vermute, so 300 bis 500. Das ist jetzt natürlich eine sehr weite Differenz, aber so irgendwie um den Dreh. Ich weiß aber auch gerade gar nicht genau, wie viel wir mit Musikvideo und allem Drum und Dran schon aufgebracht haben. Auf jeden Fall einen guten vierstelligen Betrag.

Eine gute Einnahmequelle sind ja heutzutage Konzerte. Unter anderem habt ihr gerade eines für den 10. Juni im Lux bestätigt. Wie sieht es darüber hinaus aus? Dass ihr übers Land verteilt seid, macht es ja bestimmt nicht einfacher.

Thilo: Es ist wirklich manchmal nicht ganz einfach. Alle zusammenzubekommen, ist jedes Mal ein Akt, weil die Leute immer eine lange Fahrt auf sich nehmen müssen. Wir versuchen aber, gerade jetzt vor der Releaseshow noch zwei-, dreimal ein komplettes Wochenende lang durchzuproben.

André: Bei mir ist es mit den Shows gerade auch schwierig, weil ich mein Studium komplett selbst finanziere. Deshalb will ich eigentlich wegen der Band nicht noch Semester an Semester dranhängen. Und wegen unserer Auszeit für die Aufnahmen haben wir uns auch ein bisschen zurückgezogen. Aber es sind schon definitiv noch mehr als die drei Konzerte im Juni geplant.

Auch dieses Jahr noch?

André: Ja, bestimmt.

Thilo: Da muss was kommen!

André: Wir machen das immer kurz vor knapp: heute announcen, morgen spielen quasi.


Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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