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Trümmer: „Unsere Texte sind nicht als Ratgeber zum Autos anzünden gemeint.“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[003] Trümmer: „Unsere Texte sind nicht als Ratgeber zum Autos anzünden gemeint.“

© Christoph VoyFoto: Christoph Voy

Noch vor wenigen Monaten sollte Paul Pötsch seine Wohnung in St. Pauli räumen. Die sollte erst saniert und danach teurer weitervermietet werden. Das ließ sich der Sänger der Band Trümmer aber nicht gefallen und ignoriert bis heute das Kündigungsschreiben.
Wenn über die Deutschpop-Neulinge geredet wird, geht schnell das muntere Namedropping los. Der eine fühlt sich an Blumfeld erinnert, ein anderer an Ja, Panik, wieder andere sogar an Ton Steine Scherben. Auch wenn mancher Vergleich, wie der zum Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer, eher auf einer Äußerlichkeit beruht – Pötsch sieht ihm wirklich ähnlich – Anerkennung ist es allemal. Ernst.FM hat Paul und Tammo von Trümmer vor ihrem Auftritt im Lux getroffen und nach dem neuesten Stand in Sachen Wohnungskampf gefragt. Außerdem wollten wir natürlich wissen wie unglücklich die Jungs eigentlich damit sind, Teil ihrer Generation zu sein. Gar nicht mal so unglücklich wie sich herausstellte – ein Glück.


In einem Text über euch im Magazin Das Wetter wurde die Frage angeschnitten, was eure persönlichen Trümmer-Actionfiguren können müssten. Da heißt es, dass Pauls Actionfigur auf jeden Fall rufen müsste: „Wir stehen kurz vor der Revolution“. Unterschreibst du das so, Paul?

Paul: Wenn ich manchmal ein paar Bier mehr trinke, neige ich dazu, die Weltrevolution auszurufen. Das kommt schon des Öfteren vor. Und zum anderen hat das natürlich auch mit der Platte zu tun. Die handelt ja sehr viel davon, dass man das Gefühl hat, in einer Zeit zu leben, die sehr revolutionsfeindlich ist – zumindest hier in unseren Breitengraden. Gleichzeitig weiß man aber, dass gesellschaftlich eigentlich sehr vieles schief läuft. Da fragt man sich wie lange das eigentlich noch so weitergehen kann und wo vor allem irgendeine Art von Jugendbewegung ist, die darauf reagiert. Ich habe auch an meinem eigenen Leben gemerkt, dass ich irgendwie vor vier, fünf Jahren vielleicht konformistischer war, als ich das eigentlich mal werden wollte.
Du kommst aus der Schule, fängst an zu studieren und dann merkst du so: „Oh fuck ey, das ist ja irgendwie eine Weiterführung der Schule“. Man ist leider sehr unfrei im Studium. Das geht jetzt gar nicht gegen die Universität oder gegen akademische Ausbildung. Aber ich glaube, man ist heute als junger Mensch sehr vielen Einschränkungen ausgesetzt. Man muss sehr schnell Karriere machen. Und möglicherweise will man das gar nicht. Möglicherweise will man sich erst einmal selbst kennenlernen, sich ausprobieren, Experimente machen, einfach Unfug treiben. Und all das ist sehr schwer geworden – ich glaube auch insbesondere für Studenten tatsächlich. Deswegen verwenden wir den Begriff Revolte einfach als sehr schlagwortartigen Begriff des Sich-Befreiens aus solchen Zwängen.

Wie ernst meint ihr denn diesen Veränderungsdrang in Textzeilen wie „Ich starte die Revolte und setz das Land in Brand“?

Paul: Es ist ja in erster Linie erst mal ein Text. Und es ist jetzt nicht als Ratgeber zum Autos anzünden gemeint. Wenn das jemand macht, nachdem er den Song gehört hat, kann ich dafür keine Verantwortung übernehmen. Mir geht es vor allen Dingen darum, Leute wieder innerhalb eines Popsongs mit solchen Begriffen zu konfrontieren. Ich glaube das alleine ist schon sehr reizvoll.

Für solche Texte musstet ihr euch auch ein wenig rechtfertigen. Da fielen dann so Begriffe wie „naiv“. Wieso macht ihr es euch nicht leicht und seid einfach ironisch?

Paul: Ich finde Ironie komplett die falsche Haltung. Wenn ich mir Nick Cave reinziehe, ist der nicht ironisch. Wenn ich mir die Strokes anhöre, sind die nicht ironisch. Die ganze Musik, die ich mag, ist nicht ironisch. Die versucht nicht die Leute mit einem kurzen Witzchen zu unterhalten, sondern irgendwo hinzuführen oder mit einem tiefen Gefühl auszustatten.
Tammo: Ironie ist halt vor allem eine Flucht in den Stillstand. Wenn man anfängt Dinge zu ironisieren, nimmt man sie hin so wie sie sind. Das führt dann dazu, dass sich nichts ändern kann.

War das für euch von Anfang an klar, dass ihr deutschsprachige Musik macht oder habt ihr erst „Knocking On Heaven’s Door“ gecovert?

Tammo: Wir sind nie auf die Idee gekommen, am Anfang was zu covern. Wir sind einfach angefangen zu spielen und haben geguckt was dabei passiert. Paul hat angefangen deutsche Texte zu singen. Das war dann halt so. Wir haben nicht vorher da gesessen und überlegt, was wir für Musik machen wollen. Das ist total intuitiv passiert.
Paul: Man ist ein junger Mensch. Man fühlt und denkt Dinge und muss die irgendwie ausdrücken. Und warum sollte ich die in Englisch ausdrücken? Ich habe überhaupt nichts gegen die englische Sprache. Die ist für Popmusik wahrscheinlich wie geschaffen. Aber ich kann mich im Englischen einfach nicht so gut ausdrücken wie ich es im Deutschen kann und deswegen ist das keine Option für mich auf Englisch zu singen.

Im Song „Papillon“ singt ihr „Diese Generation ist eine Bombe, die nicht zündet“ –Wie unglücklich seid ihr damit, Teil eurer Generation zu sein?

Paul: Es geht ja nicht darum, dass man sich als Prediger hinstellt und sagt: „Hallo, wir verkünden jetzt die große Wahrheit, denn wir sind in den Wahrheitstopf gefallen“. Letzten Endes ist es auch eine Art von Selbstanklage. Man ist ja die ganze Zeit Bestandteil und möglicherweise auch Lösung des Problems. Insofern würde ich nicht sagen, dass diese Generation verkommen ist. Ich glaube uns wird es einfach schwer gemacht, weil man einfach sehr früh sehr gut funktionieren muss. Und ich glaube, dass das nicht geht.

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann bezeichnet die junge Generation jetzt als „heimliche Revolutionäre“ – eine Generation, die nicht die Zeit verschwendet, um auf die Straße zu gehen, sondern nach dem Sinn des Lebens und nach Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Familie sucht. Was sagt ihr zu dem Ansatz?

Tammo: Oha. Alle Studien zu den zwischen 18 und 30-Jährigen, die ich so kenne, beschreiben eigentlich, dass diese Generation immer konservativer und traditionsbewusster wird, dass ihnen Geld und Sicherheit immer wichtiger wird – ich weiß nicht so recht, wo diese stille Revolution sein soll. Aber ich würde mich gerne vom Gegenteil überzeugen lassen.
Paul: Ich glaube was der Grundansatz unserer Platte ist, ist der Gedanke, dass man in einer Art von Gesellschaft lebt, die eigentlich gar keinen anderen Entwurf mehr zulässt. Alles was vielleicht als kleine Revolution gefeiert wird, ist ja schon total systemimmanent und von vornherein dem Rahmen, den das System an uns legt, unterworfen. Und dass du dir gar nichts anderes mehr ausdenken kannst außer das, was ins System reinpasst, ist so ein Gedanke, den ich sehr überzeugend finde. Gleichzeitig ist dieser Gedanke aber auch total ätzend und man möchte ihm irgendwie entkommen. Und deswegen macht man ja Musik. Da schließt sich der Kreis. Musik ist irgendwie eine Gegenrealität und die Möglichkeit, sich eine eigene Welt zu bauen.

Meint ihr denn, dass man auch vor dem Rechner eine Revolution starten kann?

Tammo: Ob man vor dem Rechner sitzt und seine Meinung äußert, auf die Straße geht oder eine Gitarre nimmt, ist glaube ich vollkommen egal. Es geht darum, eine eigene Meinung und eine eigene Ansicht von der Welt zu entwickeln und zu versuchen klarzukommen und das durchzusetzen.
Paul: Ich glaube das wichtige ist, dass man es macht. Die Mittel sind letzten Endes total egal. Was wir uns ja irgendwie wünschen von uns selbst und was auch in unseren Texten zum Ausdruck kommt, ist genau diese Geste der Selbstermächtigung: „Macht doch einfach das, was ihr wollt und macht nicht das, was ihr denkt, was ihr machen müsst, weil euch das die ganze Zeit suggeriert und gesagt wird. Nehmt doch eure eigenen Vorstellungen von eurem Leben ernst, weil es gehört euch und es gehört uns.“

Ihr habt recht lange damit gewartet, bei Facebook und Co. aktiv zu werden. Die meisten jungen Bands haben schon eine Facebook-Präsenz bevor sie die erste Probe hatten. Wieso habt ihr das anders gemacht?

Paul: Auch das ist wieder ein Zeichen der Ernsthaftigkeit dieser Band. Dass man halt nicht die Leute langweilen möchte mit irgendwelchen Fotos wie man gerade den Proberaum staubsaugt. Am Anfang einer Band, hast du einfach nicht viel mitzuteilen. Bei uns war es noch einmal besonders, weil wir uns aus reiner Lust und Laune zusammengefunden haben. Anfangs konnten wir uns nicht im Geringsten vorstellen, dass wir ein Konzert spielen würden – geschweige denn aufnehmen, geschweige denn Festivals spielen, geschweige denn Interviews geben – all das stand nicht zur Debatte. Deswegen war öffentliche Kommunikation schlicht und ergreifend nicht notwendig. Und zum anderen wollten wir, als wir dann ein paar Songs beisammen hatten, den Fokus auf die Konzerte legen. Da war der Gedanke: „Ey, wenn ihr uns sehen wollt, kommt doch auf die Konzerte. Da geben wir euch alles, was wir zu geben haben. Mehr haben wir nicht.“

Tammo hat im August zu dem Thema schon gesagt, dass es „ganz geil ist vor Leuten zu spielen, die nicht wissen, was sie erwartet“. Das ist jetzt vorbei: Euer Debütalbum ist draußen, fast alle Musikmagazine haben über euch geschrieben, und ihr seid doch noch bei Facebook gelandet. Wie ist es denn vor Leuten zu spielen, die sehr wohl wissen, was sie erwartet?

Tammo: Ganz geil. (lacht) Ne, das ist fantastisch. Vorgestern haben wir in Berlin gespielt, das Konzert war ausverkauft und man hat gemerkt, dass die Leute unsere Platte gehört haben. An den Reaktionen konnte man merken, dass die Leute bestimmte Songs hören wollten – super, großartig. Das hätten wir viel früher machen sollen. (lacht)


Ihr seid jetzt in ein paar Tagen wieder zurück in eurer Heimatstadt Hamburg und ich habe noch nicht so richtig mitbekommen wie euer Wohnungskampf eigentlich ausgegangen ist. Paul, deine Wohnung in St. Pauli war ja gleichzeitig euer Trümmer-Bandquartier. Das solltet ihr vor wenigen Monaten räumen, damit es hübsch gemacht und danach teurer weitervermietet werden kann. Ihr habt euch dann geweigert, das Kündigungsschreiben zu unterschreiben. Wie ist die Geschichte weitergegangen?

Paul: Als erstes haben wir ja als Trotzreaktion ein Konzert bei mir zu Hause gespielt. Dazu haben wir alle möglichen Leute eingeladen, was natürlich für ein bisschen Rummel gesorgt und nebenbei sehr viel Spaß gemacht hat. Und nebenbei habe ich eine Anwältin, die sich darum kümmert. Und ich glaube, dass das Ding durch ist. Es war schlicht und ergreifend illegal. Mir war es aber sehr wichtig nicht nur über mich und diese Wohnung, sondern über Gentrifizierung allgemein zu sprechen. Das ist nämlich ein Problem, das nicht nur Hamburg und St. Pauli, sondern alle westlichen Großstädte betrifft und unser Leben schon erheblich einschränkt. Man muss viel Geld verdienen, um überhaupt mal zu wohnen und hat weniger Geld für die Sachen, die man vielleicht eigentlich braucht – eine neue geile Gitarre oder einen Proberaum. Tatsächlich hat die Vermieterin auch aufgehört, sich zu melden. Die Berichterstattung war ja auch schon sehr präsent.

Seid ihr denn grundsätzlich eher Stadtmenschen oder Landmenschen? Diese Sache mit der Wohnung würde ja jetzt gegen die Stadt sprechen. Auch euer Album habt ihr auf einem Bauernhof aufgenommen und es hat euch in letzter Zeit häufiger mal aufs Land gezogen. Wohnt ihr in zehn Jahren auf einem Bauernhof?

Paul: Also diese Landflucht sehe ich bei uns allen nicht, weil wir ja erst vor fünf, sechs Jahren von der Provinz in die Stadt geflüchtet sind. Deswegen wäre das für mich eine Form von aufgeben.
Tammo: Dafür mag ich Beton viel zu gerne. Und wenn ich länger als drei, vier Tage auf dem Land bin, werde ich langsam nervös. Es kann schon schön sein, aber der Landsitz ist von den neu gewonnenen Plattenmillionen noch nicht geplant.
Paul: „Großstadtkinder wissen was ich mein’. Es muss was los sein, oder wir gehen ein“ – Jan Delay, 2002 glaub’ ich.

Das ist doch ein nettes Ende. Vielen Dank für das Interview.

Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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