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Schnipo Schranke: „Popmusik muss keinen politischen Background haben“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[037] Schnipo Schranke: „Popmusik muss keinen politischen Background haben“

Foto: Jenny Schäfer

Schnipo Schranke sind mit ihren derben Texten zum Aushängeschild des Feminismus geworden. Aber eigentlich wollen Daniela und Fritzi mit Songs wie Pisse nur gute Popmusik und keinen „Hip-Hop-Chanson-Fuck“, wie es die Intro mal betitelte, machen. Mit unseren Reportern Tiyam und Arne hat die Band mal gründlich mit den Halbwahrheiten über ihre Musik aufgeräumt. Nebenbei war in dem Interview auch noch Zeit zu klären, in welches Hogwartshaus Schnipo Schranke am besten passen würden.


In euren Songtexten finden sich immer wieder Harry-Potter-Referenzen. Da drängt sich automatisch die Frage auf: In welchem der vier Hogwartshäuser seht ihr euch selbst?

Fritzi: Das ist echt schwierig. Darüber habe ich schon oft nachgedacht. Ich wäre schon gerne in Gryffindor.

Daniela: Ich auch! Aber man kommt doch in das Haus, in das man möchte, oder?

Das hat Dumbledore zumindest immer wieder betont. Es ist das, was du im Herzen trägst.

Daniela: Es geht beim sprechenden Hut ja darum, dass er hören kann, was du eigentlich willst. Man kann sich selbst entscheiden! Bei Gryffindor geht es doch um Mut.

Aber da sind doch Langweiler! Meine Wahl wäre Slytherin!

Daniela: Nein! Slytherin, das sind alle voll die Fotzen! Fritzi wäre bestimmt bei Hufflepuff gewesen, weil sie nicht so schnell denken kann. Hufflepuff ist Hauptschule.

Apropos Schule. Ihr habt klassische Musik an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studiert. Cello und Blockflöte. Eure aktuellen Songs klingen aber nicht sonderlich klassisch. Wie kam es denn dazu, dass ihr euch gedacht habt: Wir haben keinen Bock mehr auf Klassik. Wir machen jetzt den Schnipo-Sound?

Daniela: Den Schnipo-Sound haben wir erst im Laufe der Zeit gefunden. Der war nicht in unseren Köpfen, bevor er nicht im Raum war. Dass wir keine klassische Musik mehr machen wollen, hat damit zu tun, dass das Studium nicht gut für uns war. Das war nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten, weil es recht unkreativ ablief.

Meint ihr das ständige Einüben irgendwelcher Symphonien?

Frizi: Genau. Man war einfach wahnsinnig stark auf dieses Konkurrenzdenken fokussiert. Man wurde permanent verglichen, weil alle in gewisser Weise dasselbe Repertoire spielten. Da wurde natürlich geguckt: Der eine spielt das besser, der andere phrasiert an der Stelle sauberer. Das war einfach nichts für uns.

Schnipo Schranke

Foto: Jenny Schäfer

Wie habt ihr denn geklungen, bevor sich euer Sound entwickelt hat?

Fritzi: Ganz am Anfang haben wir beide Songs geschrieben und jeder für sich am Klavier gespielt. Plötzlich hatten wir dann unseren ersten Auftritt, das heißt, wir waren gebucht und hatten drei Monate Zeit irgendetwas auf die Bühne zu bringen. Da dachten wir uns, okay, dann spielt der Andere halt immer Schlagzeug dazu. Zu dem Zeitpunkt konnte das aber noch keiner von uns! Deshalb haben wir uns das dann angeeignet.

Per Youtube-Tutorial oder wie kann man sich das vorstellen?

Daniela: Nein, wir haben uns einfach hingesetzt und draufgehauen.

Mittlerweile seid ihr mit eurer Musik im Feuilleton oder zum Beispiel auch im ARD Nachtmagazin angekommen. Wie fühlt sich das an, kulturell wertvoll zu sein?

Fritzi: Gut!

Daniela: Ich finde es total schön, etwas zu machen, das auch für andere offenbar Relevanz hat und nicht nur für einen selbst. Das gibt einem viel Sicherheit.

Euer Produzent Ted Geier ist auch Mitglied bei den Goldenen Zitronen. Wie stark beeinflusst euch Ted in eurer Musik denn?

Fritzi: Was Ted hauptsächlich gemacht hat, ist, dass er uns das Instrumentarium von den Goldenen Zitronen hingestellt hat. Und er hat uns gezeigt, wo der Powerknopf ist und wie das alles grob funktioniert. Beispielsweise die ganzen Synthesizer. Da hatten wir Bock drauf, aber vorher noch nie mit so etwas gearbeitet. Im Prinzip hat Ted uns also gezeigt, wie alles funktioniert.

Richtig Einfluss nimmt er also nicht auf euch?

Daniela: Nein. Er hatte zwar zu allem eine eigene Meinung, aber bisher haben wir uns da immer durchgesetzt. Als wir angefangen haben das Album aufzunehmen, waren wir soundtechnisch nicht wirklich bewandert. Da hat Ted natürlich mal Dinge gesagt wie „Den Bass könnt ihr nicht spielen, weil er frequenzmäßig nicht durchkommt“. Solche Sachen eben. Das Lustige aber war, dass wir es am Ende dann doch so gemacht haben, es dann einfach zusammengemischt und draufgeklatscht haben, weil wir das unbedingt wollten.

Hört ihr denn privat auch Die Goldenen Zitronen?

Daniela: Ja, total gerne. Aber ich kann es nicht mehr so gut anhören, seit ich die Bandmitglieder persönlich kenne. Ich finde das schwierig.

Geht euch das bei anderen Künstlern, die ihr privat kennt, auch so? Zum Beispiel bei Rocko Schamoni.

Daniela: Na, das schockt einfach nicht mehr. Man kann das einfach nicht mehr so richtig gut hören. Aber das ist eigentlich auch ganz gut, weil man seinen Geist dann für andere Sachen öffnen kann.

Hier mal eine Quatschfrage: Wollt ihr lieber ein Leben lang das Cro-Unplugged Album hören müssen oder lieber jeden Tag ein neues Album von Fler?

Daniela: Jeden Tag ein neues Fler-Album.

Fritzi: Schwierig. Mich überfordert das, so viel verschiedene Musik auf einmal zu hören. Andererseits, wenn ich jeden Tag ein neues Album höre, dann höre ich wahrscheinlich sowieso nicht mehr bewusst hin. Ich entscheide mich auch für Fler.

Daniela: Cro ist einfach megascheiße und Fler ist immerhin megaunterhaltsam.

Ihr betont öfter, dass eure Texte zumindest im Kern autobiografisch sind.

Fritzi: Das ist mal so, mal so. Unsere Texte sind oft sehr bildhaft gemeint, aber natürlich ist immer irgendwo ein wahrer Kern dabei. Insofern stimmt das schon. Ansonsten würde man ja auch nicht auf die Ideen kommen.

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Es gibt eine Stelle in eurem Song „Schrank“, da singt ihr „Ich kenne diese Stellung nicht, ich google das dann später“. Ist so eine Situation schon mal vorgekommen?

Daniela: Nein, das ist uns einfach nur so eingefallen. Aber du musst aufpassen! Könnte sein, dass mir jetzt gleich was Intimes rausrutscht, wenn du die richtigen Fragen stellst. Du kannst es ja noch mal versuchen.

Ihr singt größtenteils über die Themen Liebe und Sex in all ihren Facetten und benutzt dabei eine sehr explizite Sprache beziehungsweise setzt häufig Fäkalhumor ein. Das ist ja quasi zu eurem Aushängeschild geworden. Würdet ihr dem zustimmen?

Fritzi: Das ist mit Sicherheit in der Presse irgendwie ein Aushängeschild geworden. Das liegt vor allem daran, dass die Presse immer einen Aufhänger braucht. Unsere Sprache ist sicher das, was beim ersten Hören auffällt. Die Presse muss es ja mit etwas anpreisen. Dann ist unsere Wortwahl das Naheliegendste. Für uns ist das natürlich nicht so.

Für euch ist das einfach die Sprache, die ihr auch im alltäglichen Leben benutzt.

Fritzi: Ja genau, wir empfinden das ja gar nicht so.

Wären wir Männer, dann hätte uns nie jemand dazu gezwungen, uns zu irgendetwas zu bekennen.

Dadurch, dass ihr Frauen seid und eine etwas derbere Sprache benutzt, seid ihr zu einer Art Aushängeschild des Feminismus geworden. Was ihr ja gar nicht wollt! Ist es im Umkehrschluss nicht auch total sexistisch zu sagen: Das sind Frauen, darum muss es feministisch sein?

Daniela: Das ist es auf jeden Fall. Wären wir Männer, dann hätte uns nie jemand dazu gezwungen, uns zu irgendetwas zu bekennen. Das ist total gemein. Wenn du sagst „Nein, wir machen das nicht für den Feminismus!“ dann heißt es gleich: Das sind Antifeministinnen. Das ist natürlich auch nicht der Fall. Popmusik muss keinen politischen Background haben! Überhaupt nicht. Das meinen viele, aber das ist einfach falsch.

Die Intro hat eure Musik im Band-Steckbrief als „Hip-Hop-Chanson-Fuck“ bezeichnet. Könnt ihr euch damit identifizieren? Oder was wäre euer catchy Name für eure Musik?

Daniela: Wir machen einfach Popmusik, man! Wir wollen so viele Menschen wie möglich damit catchen, und ich denke, dann macht man Popmusik. Wir wollen keine elitäre Gruppe oder Nischen ansprechen. Dann machen wir doch Popmusik, oder nicht?

Ich muss sagen, dass ich Probleme damit habe, mir eure Hörerschaft vorzustellen. Ich stelle mir das so vor, dass nach jedem Konzert kleine Mädchen mit ganz viel Liebeskummer auf euch zukommen und euch erzählen, was gerade in ihrem Leben passiert. Ist das so?

Fritzi: Das tatsächlich eher weniger. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Publikum eher unser Alter hat oder älter, 40 oder 50 aufwärts, ist. Neulich war sogar eine bestimmt 80 jährige Frau da und meinte „Ich hab jetzt zwei CDs gekauft, weil mein Mann und ich ganz toll finden, was ihr macht!”

Könnt ihr euch erklären, warum eure Musik eher bei der älteren Generation ankommt als bei jungen Leuten?

Fritzi: Wir haben festgestellt, dass Teenager nicht so sehr unsere Zielgruppe sind. Das liegt daran, dass unsere Musik auch auf emotionaler Ebene sehr offen ist. Auf dieser Ebene ist man in dem Alter vielleicht mit sich selbst noch nicht ganz im Reinen. Ich glaube, dass die das als peinlich empfinden.

Daniela: Das hat vielleicht mit der Musik zu tun. Vielleicht ist unsere Musik nicht fresh oder cool genug.

Fritzi: Beziehungsweise auch nicht spezifisch genug. Als Teenager ordnet man sich auch immer gerne einem Genre zu. Das ist bei uns echt schwierig. Es ist eben kein Hip-Hop, kein Punk, kein Gothik.

Da fehlt dann vielleicht die Identifikationsfläche. Als nächstes vielleicht ein Rap-Album?

Fritzi: Darauf haben wir sowieso voll Bock. Das kommt irgendwann, auf jeden Fall!

Wessen Penis war das eigentlich in dem „Pisse“-Video?

Daniela: Der von Ente! Der steht auch mit uns auf der Bühne. Das ist mein Ehemann. Wir haben vor zwei Wochen geheiratet. Man trifft ja nicht so oft jemanden, der bereit ist, seinen Pullermann in die Kamera zu halten. Aber Ente hat da überhaupt kein Problem damit.

Man muss auch vor den ganzen Leuten pinkeln können. Das ist gar nicht so einfach!

Daniela: Das eigentlich Schwierige war nicht, dass er pinkelt, sondern dass wir nicht lachen, während er pinkelt! Das ist uns auch tatsächlich bis zum Schluss nicht richtig gelungen. Er meinte dann immer: „Okay, ich mach es noch einmal, aber ich schaff es echt nur noch einmal!“ Ich hab dann das Gesicht ein bisschen verzogen, leider.

Wird es jemals wieder etwas mit Flöte und Cello von euch geben? Oder habt ihr gerade keine Lust mehr auf die Instrumente, die ihr schon jahrelang spielt?

Fritzi: Ich spiele manchmal noch Blockflöte, aber wirklich nur selten. Öfter würde ich es auch gar nicht wollen. Ich glaube, Daniela will nicht mehr Cello spielen. Willst du etwas dazu sagen?

Daniela: Ich werde bestimmt nicht mehr Cello spielen. Schon allein deswegen, weil ich es gar nicht mehr kann. Man verlernt es sehr schnell. Ich habe jetzt seit 2011 nicht mehr gespielt. Zwischendurch habe ich es immer mal wieder versucht, aber es ist frustrierend, wenn man nichts mehr rauskriegt. Ich habe tatsächlich ein kleines Trauma vom Studium. Seit damals fühle ich mich ein wenig beklemmt am Cello, und ich möchte das nicht mehr. Ich finde es gut, wie es jetzt ist, dass ich Klavierspielen und singen kann, ohne Angstgefühle zu haben. Wenn ich mich jetzt wieder ans Cello setzen würde, kommt diese Versagensangst wieder hoch, und das muss ich mir nicht geben.


 

Interview: Arne Janßen & Tiyam Mansourifar
Text: Stefanie Schweizer

Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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