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Nessi: „Mama, Papa, ich werd’ jetzt Rockstar!“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[024] Nessi: „Mama, Papa, ich werd’ jetzt Rockstar!“

Foto: Kevin Spilker

Nessis Debütalbum „Rolling With The Punches“ ist nun etwa ein halbes Jahr alt. Seitdem ist viel passiert: TV-Auftritte, die erste eigene Tour, einige Support-Shows – die Berliner Texterin, Musikerin und Produzentin ist in aller Munde. Und das mit wenig Rückendeckung: „Fuck you, Major Label“, rief die selbstbewusste Newcomerin ihrem Publikum beim Auftakt der zweiten Tour am vergangenen Mittwoch im LUX Hannover entgegen. Am Montag vor dem Konzert stand uns Nessi im Ernst.FM-Studio Rede und Antwort.


Nessi, dein Debütalbum heißt „Rolling With The Punches“, also die Dinge nehmen wie sie kommen. Was bedeutet das für dich und warum hast du diesen Titel gewählt?

Der Titel „Rolling With The Punches“ bedeutet für mich, dass man, wenn man hinfällt, wieder aufsteht, sich die Knie abklopft und weitermacht. Das beschreibt den Weg, den ich gegangen bin. Ich habe mich bewusst gegen ein Major Label entschieden. Dort kommt mit jedem Versuch wieder neues, enttäuschendes Feedback: „Nenn dich anders! Sing auf Deutsch! Mach deine Haare anders!“ Da dachte ich mir, ich versuche das mal alleine mit meinen Freunden. Natürlich gibt es immer mal wieder Rückschläge und es ist ein viel längerer Weg, als wenn man zu einer Casting-Show geht. Trotzdem ist das mein Lebensmotto: Einfach weitermachen und nicht unterkriegen lassen.

Schon im Alter von fünf Jahren wusstest du, dass du entweder Musikerin oder Model werden willst? Warum hast du dich für das eine und gegen das andere entschieden?

Mit Modeln wird das nichts, ich bin leider zu klein und zu dick dafür. Deswegen musste ich singen. Dass ich das Singen und die Musik mag, habe ich aber eigentlich erst mit 15 realisiert.

Musik spielt also offensichtlich eine wichtige Rolle in deinem Leben. Gab es so etwas wie einen Schlüsselmoment, der dich zur Musik geführt hat?

Ich habe damals ein Jahr lang Klavier-Unterricht genommen. Dort habe ich viele Stücke nachgespielt und dazu gesungen. Außerdem habe ich in Hamburg einen Kurs gemacht, bei dem man Cover-Songs eingeübt hat. Spätestens danach war mir klar, dass ich unbedingt Musik machen will. Ich habe die Schule geschmissen und gesagt: „Mama, Papa, ich werd’ jetzt Rockstar.“ Das hat nicht ganz geklappt, aber es war auf jeden Fall der erste Schritt in die richtige Richtung.

Paul (Foto: Kevin Spilker)

Paul (Foto: Kevin Spilker)

Du hast das Album komplett in Eigenregie gemacht. Texten, Musizieren, Produzieren – hast du dir alles selbst beigebracht?

Ich hatte ein klares Bild davon, wie die Platte aussehen soll. Aber ich hatte natürlich auch Hilfe. Mein Gitarrist Andy hat mich mit seinem technischen Know-how bei der Produktion unterstützt. Und auch Paul, mein zweiter Gitarrist, hat mitgearbeitet. Diese drei Einflüsse sind auf der Platte zu hören. Ich selbst habe nie irgendetwas gelernt, sondern immer nur gemacht. Musik ist für mich schon immer ein Ventil gewesen. Natürlich schreiben sich manche Songs leichter als andere. „And I Fall“ zum Beispiel wollte ich schon auf meiner ersten EP haben, aber ich habe den Text dreimal umgeschrieben, bis er mir gefallen hat. Wieder andere Songs sind erst beim Jammen im Studio entstanden.

Trotzdem hört sich das Album nicht an wie eine typische deutsche Independent-Produktion. Distanzierst du dich bewusst von diesem deutschen Sound, um international bessere Chancen zu haben?

Ich habe mir noch nie darüber Gedanken gemacht, wie ich klingen will. Mein Spitzname ist Nessi und mein Künstlername auch, denn ich bin auf der Bühne kein anderer Mensch als im echten Leben. Das spiegelt sich in meiner Musik wider. Ich mache einfach das, was mir gefällt. Andy ist Engländer, das hat natürlich schon Einfluss auf die Musik. Aber ich mag diesen deutschen Sound auch nicht so. Manchmal nehme ich in meinem Wohnzimmer trashige DIY-Demos auf und „it happens to not sound German.“ Bewusst mache ich das aber nicht.

Foto: Kevin Spilker

Andy (Foto: Kevin Spilker)

Du startest morgen deine „Rolling With The Punches“-Tour im LUX. Hast du eine besondere Verbindung zu Hannover?

Eine der ersten Shows, die wir als Band gespielt haben, war im Capitol. Damals waren wir Support Act der Babyshambles. Das war eine sehr individuelle Erfahrung.

Früher warst du allein auf Tour, jetzt wieder mit Band. Was sind die Unterschiede und was ist dir lieber?

Ich habe unfassbare Angst davor, auf die Bühne zu gehen. Ich bin jedes Mal super nervös. Alleine da vorne zu stehen, kostet eine Menge Überwindung. Mit einer Band im Hintergrund fühle ich mich viel besser und sicherer. Wenn etwas schief geht, ist man nicht alleine schuld. Trotzdem gehe ich nach wie vor beim ersten Song alleine mit meiner Gitarre auf die Bühne. Auch Akustik-Konzerte mache ich immer noch total gerne, alleine schon, weil es logistisch so viel einfacher ist als mit einer ganzen Band.

Foto: Kevin Spilker

Foto: Kevin Spilker

Du bist Veganerin. Wie kam es dazu und ist ein solcher Lebensstil überhaupt mit dem Tourleben zu vereinbaren?

Als Jugendliche wurde ich in meiner rebellischen Phase aus Trotz gegenüber meinen Eltern Vegetarierin, weil alle meine Punker-Freunde um mich herum auch kein Fleisch gegessen haben. So richtig damit auseinandergesetzt habe ich mich damals aber nicht. Als ich dann mit 19 nach Berlin zog, dachte ich mir, dass es an der Zeit ist, erwachsene Dinge zu tun. Ich habe also viele Bücher zum Thema gelesen und kam zu dem Schluss, dass mir der Vegetarismus zu inkonsequent und im Prinzip nicht vertretbar ist. Natürlich hat der vegane Lebensstil Vor- und Nachteile. Ich esse sehr gerne gut, koche viel und bin verwöhnt von Berlin. Aber auf Tour gibt es dann eben keinen grünen Smoothie zum Frühstück, kein gesundes Tofu-Curry mit Quinoa, sondern oft nur Gemüse mit Reis. Aber das ist schon okay so, irgendetwas findet man immer. Veganismus ist ja auch kein Nischenphänomen mehr. Gestern haben wir hier in Hannover zum Beispiel leckere Burger im Centrum gegessen.

Du bist jetzt als Headliner unterwegs, hast aber auch schon viele Support-Touren hinter dir. Wer war der spannendste Künstler, mit dem du unterwegs warst?

Mit Marlon Roudette bin ich mittlerweile total gut befreundet. Der ist eben einfach ein ganz normaler Typ. Bei den anderen ist das Verhältnis distanzierter, zum Beispiel bei Jessie J. Da ist man am Ende des Tages eben doch nur die Support-Band. Spannend war tatsächlich Pete Doherty von den Babyshambles. Mit denen waren wir eine gute Woche unterwegs. Das sind supernette Typen, Pete ist total intelligent – aber halt einfach ein bisschen fertig. Interessant war es auf jeden Fall, aber „whatever happens on tour stays on tour“, deswegen will ich hier auch nicht zu viel verraten.

Foto: Kevin Spilker

Foto: Kevin Spilker

Du hast viele Tattoos und wirst gerne als „das Mädchen in Schwarz“ beschrieben. Deckt sich das mit deinem Selbstbild?

Ich mache mir gar nicht so viele Gedanken darüber. Wenn ich mich tätowieren lasse, dann hat das auch einen Grund. Aber ich sehe mich nicht als besonders modische Person an. Es gibt kein Mysterium um Nessi. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich bin der Trottel von Nebenan, der einfach nur Musik macht.

Deinen Oberarm ziert eine Uhr und deine erste EP hieß „Twentythreeyears“. Welche Bedeutung hat die Zeit für deine Musik?

Die Uhrzeit auf dem Tattoo steht auf 17.01 Uhr, das ist das Geburtsdatum meiner Geschwister. Die 23 ist meine Glückszahl, die verfolgt mich mein ganzes Leben lang. Und klar, Zeit ist ein wichtiger Faktor. Ich bin jetzt 26, seit zehn Jahren mache ich Musik. Das ist einem oftmals gar nicht so bewusst. Die Zeit zieht an dir vorbei. Ich habe sehr oft Zweifel an dem, was ich mache. Ich glaube, das gehört zum Künstler-Dasein einfach dazu. Dann rufe ich meine beste Freundin an und die sagt mir: „Guck doch mal, was du in den letzten Monaten und im letzten Jahr alles gemacht hast und wo du überall warst!“ Das sieht man ganz oft einfach nicht. Die Zeit rennt und da vergisst man das manchmal.

Wo siehst du dich in den nächsten Jahren? Oder planst du gar nicht so weit?

Ich gebe weiterhin mein Bestes und ich will weiterhin Musik machen. Ich schreibe gerade an der zweiten Platte und habe einige Pläne fürs kommende Jahr. Aber ich kann jetzt nicht sagen, dass ich in fünf Jahren megareich und Taylor Swifts beste Freundin bin. Wenn ich nur von der Musik leben kann, wenn Leute zu meinen Konzerten kommen, wenn sich zehn davon in meiner Musik und in meinen Texten wiederfinden, dann habe ich schon gewonnen. Mein Lieblingszitat von Lost ist: „Whatever happens happens.“

Nessi & Kathrin (Ernst.FM)

Nessi & Kathrin (Ernst.FM)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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