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junge norddeutsche philharmonie: „Strawinsky hätte viel mit Elektro gemacht“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[41] junge norddeutsche philharmonie: „Strawinsky hätte viel mit Elektro gemacht“

Ein ganz normaler Festival-Abend: das Wetter durchwachsen, die Leute trotzdem in Feierlaune, in der einen Hand eine Portion Pommes, in der anderen einen Becher Bier und auf der Bühne – ein Orchester? Diesen Blick konnten Besucher des Fuchsbau Festivals 2016 genießen, als dort zum ersten Mal ein vollbesetztes Orchester auftrat: die „junge norddeutsche philharmonie (jnp)“.


Wir würden in unserer Freizeit sowieso auf das Fuchsbau Festival gehen, warum also nicht mit dem Orchester?

Konstantin Udert, stellvertretender Vorsitzender der jnp, hat Ernst.FM im Interview mehr über das Orchester erzählt – über die Gründung, die Ziele, über außergewöhnliche Projekte und ob Strawinsky das alles bahnbrechend genug fände.

Wir wollen mit Freunden gute Musik machen. Das war am Anfang unsere Idee.

Die jnp besteht aus Musikstudenten der norddeutschen Hochschulen: „Wir sind eine sehr bunte Mischung: von Klassikfreaks, die wir natürlich sehr gerne haben, bis hin zu den absoluten Partykönigen, die dem Klischee eines Musikers, der um 21 Uhr mit einem Tee ins Bett geht, nicht entsprechen.“ Die jnp wurde gegründet, um jungen Musikern mehr kreativen Freiraum zu geben als es in anderen etablierten Orchestern möglich ist. Diesen Freiraum nutzen die Musikstudenten und zwar in erster Linie, um die Brücke zwischen verstaubter Konzertkultur und Clubgängern ihres Alters zu schlagen.

Ein Konzertsaal klingt zwar wunderbar, aber es gibt doch mittlerweile für viele Leute eine gewisse Hürde ihn zu betreten. Also gehen wir eben mal woanders hin.


Eines der innovativen Projekte der jnp war 2016 die Weiterentwicklung des Sacre du Printemps von Igor Strawinsky zusammen mit dem DJ Julian Maier-Hauff. In den Genuss dieser Aufführung durfte auch das letztjährige Fuchsbau Festival kommen.

Wir möchten klassische Musik aus alten Konventionen, wie zum Beispiel, dass man zwischen den Sätzen nicht klatschen darf, rauslösen.

Und bei der jnp gibt es nicht nur Applaus zwischen den Sätzen: Ein Festival-Publikum wie auf dem Fuchsbau reagiert noch weitaus impulsiver auf Musik.

Die Leute auf dem Fuchsbau Festival wollten zu Strawinsky tanzen. Das fand ich überraschend, weil es in so einem durchkomponierten Stück keinen Rhythmus gibt, der besonders lange anhält. Aber am Ende war das trotzdem ein Moment, der genauso wie Elektromusik im Club funktioniert hat.

Dass Leute zu Strawinsky tanzen möchten, liegt wahrscheinlich auch daran, dass in dem Ballett aus dem Jahr 1913 innovative rhythmische Strukturen verarbeitet wurden. Diese perkussiven Elemente verbinden das Stück eben mit Elektro- oder generell Clubmusik.

Ich bin davon überzeugt, hätte Strawinsky Elektro gehabt, hätte er damit viel gemacht. Denn es gibt unglaublich viele kompositorische Möglichkeiten und die Cluster, mit denen Julian Maier-Hauff zum Beispiel arbeitet, werden von Strawinsky auch schon verwendet. Die Elemente, die man braucht, um gute Musik zu machen, bleiben die gleichen.

Negative Klischee-Reaktionen des Publikums wie etwa der grauhaarige Mittfünfziger, der sich in wütender Geste seinen roten Denker-Schal über die Schulter wirft und den Saal verlässt, erlebt die jnp eher nicht. Denn natürlich wissen die Zuschauer meist vorher, auf welche musikalischen Experimente sie sich einlassen.

Unser Publikum sind offene Klassikfans, die bereit sind, sich mit uns auf diese Reise zu begeben. Es sind Klassik-Hipster mit Affinität zu elektronischer Musik oder Elektrofans mit Klassikinteresse.

Die positive Resonanz auf die Projekte der jnp rührt auch daher, dass sie traditionelle Klassikkultur auf keinen Fall abschaffen will. Sie möchte lediglich einen innovativen Bonus schaffen und so vielleicht auch den ein oder den anderen Raver in den Konzertsaal locken.

Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass klassische Musik nicht in der Krise ist und auch heute seine Berechtigung hat.

Eine Frage bleibt aber natürlich noch offen: Was würde denn der revolutionäre Igor Strawinsky selbst, der nach der Uraufführung des Sacre du Printemps Spott und harter Kritik ausgesetzt war, zur Arbeit der jungen norddeutschen philharmonie sagen?

Wahrscheinlich würde Strawinsky zu uns sagen: Also schön und gut, aber macht das ruhig alles noch ein bisschen doller.


Interview und Moderation: Anne-Marie Wiese
Text: Clara Ehrmann
Fotos: Sebastian Mast
Mit tatkräftiger Unterstützung des Teams Backstage/Lauschig

Playlist zur Sendung

Die Playlist enthält nur die gespielten Songs, die auch bei Spotify verfügbar sind.

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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