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Fuck Art, Let’s Dance: „Wir sind ständig pumped!“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[011] Fuck Art, Let’s Dance: „Wir sind ständig pumped!“

v.l.n.r.: Damian Palm, Nico Cham, Tim Hansen, Romeo Sfendules, Jan Becker (Ernst.FM)

Fuck Art, Let’s Dance! hatten ihr erstes Konzert in einem Hörsaal. In die Uni gehen die Hamburger jetzt aber nicht mehr. Stattdessen widmen sie sich seit einigen Jahren voll ihrer Band – und die ist mittlerweile schon ein eigenes kleines Unternehmen. Wir haben Fuck Art, Let’s Dance! vor einem Konzert in Hannover getroffen und mit ihnen darüber gesprochen, wie ihr Bandalltag so aussieht – und ob man als Liveband noch reich werden kann.


Woher kennt ihr euch eigentlich?

Romeo Sfendules: Wir kennen uns schon relativ lange. Drei von uns waren auf der derselben Grundschule, sogar in derselben Klasse. Der Bassist Damian und ich waren schon seit der zweiten Klasse befreundet. Irgendwann haben wir uns dann aus den Augen verloren und schließlich wiedergefunden. Und unser Schlagzeuger Tim ist auch schon seit der fünften Klasse dabei, eigentlich sind wir also Kindheitsfreunde.

Fuck Art, Let's Dance!

Könnt ihr euch noch an euer erstes Konzert erinnern? Wann war das? Wie war das?

Tim Hansen: Ich kann mich noch ganz genau dran erinnern. Das war in der Uni Hamburg im Anna-Siemensen-Saal. Das ist ein Hörsaal. Wir hatten halt so ein paar Freunde vor der Bühne stehen, die getanzt haben und es war relativ gut besucht.

Romeo: Damals hatten wir noch einen Keyboarder. Und im ersten Song ist meine Saite gerissen.

Tim: Und das Keyboard war viel zu laut.

Romeo: Das war chaotisch. Aber ich glaube, das ist immer so beim ersten Mal.

Tim Hansen

Damian Palm

Damian: „Ich war auch mal Beamter. Das kann man sich gar nicht vorstellen, so ein Typ mit Afro im Büro. Aber das wurde auch nichts und ich bin dann bei den Jungs eingestiegen.“

Was habt ihr eigentlich gemacht, bevor ihr angefangen habt, Musik zu machen?

Tim: Bevor wir angefangen haben, Musik zu machen, waren wir alle brave Schüler.

Damian Palm: In der Schulzeit hat das schon angefangen. Es war früh für uns klar, dass wir diesen Weg einschlagen werden. Und deshalb ist es für einige von uns auch gar nicht erst in Frage gekommen, etwas anderes anzufangen. Der Fokus lag schon früh auf der Musik. Ich hab mal Public Management studiert im dualen Studium. Und ich war auch mal Beamter. Das kann man sich gar nicht vorstellen, so ein Typ mit Afro im Büro. Aber das wurde auch nichts und ich bin dann bei den Jungs eingestiegen.

Wann war denn da so der Punkt als ihr euch gedacht habt: „Das ist alles nichts, wir machen jetzt einfach nur Musik. Musik ist das, was uns Bock macht“?

Romeo: Ich glaube, das war eher so eine Entwicklung. Aber irgendwie war es immer klar. Wir haben uns nie so richtig dazu entschieden, es war einfach immer klar.

Tim: Wir sind schon viele Proberäume durchgegangen. In irgendeinem Proberaum von uns saßen wir mal zu viert – damals noch mit unserem Keyboarder – und hatten ein ernstes Gespräch darüber, ob wir’s jetzt wirklich mit der Musik durchziehen oder nicht. Und da haben wir uns das alle geschworen. Zwei Wochen später ist unser Keyboarder ausgeschieden. (lachen) Der Rest ist immer noch dabei.

v.l.n.r.: Romeo Sfendules & Tim Hansen

v.l.n.r.: Romeo Sfendules & Tim Hansen

Denkt ihr euch manchmal: „Ich bereue es ein bisschen, ich hätte vielleicht doch mal lieber etwas Vernünftiges machen sollen?“ Oder bereut ihr das gar nicht?

Damian: Ich bin erst seit einem Jahr als Bassist dabei. Die Jungs machen das jetzt schon ein bisschen länger. Aber ich konnte das gleich direkt vergleichen, diesen Lifestyle. Jetzt ist ein Jahr vergangen und ich muss echt sagen, dass ich das auf keinen Fall missen will. Das ist wirklich eine geile Erfahrung. Man hat ständig irgendwelche Zweifel und immer Zukunftsängste, aber welcher Mensch hat keine Zukunftsängste? Inzwischen ziehen wir alle an einem Strang. Es ist so familiär, dass wir unsere eigenen Zweifel eigentlich ständig selbst bereuen. Wir sind ständig – wie soll man sagen – „pumped“, unterwegs, und wir versuchen, unseren Fokus immer aufrechtzuerhalten. Das ist unser Ziel und das funktioniert auch ganz gut. Deswegen sind Zweifel eigentlich nicht mehr wirklich vorhanden.

Damian Palm

Damian Palm

Viele junge Leute von heute wollen lieber was Sicheres: Hauptsache Kohle, Hauptsache Sicherheit. Was würdet ihr diesen Leuten am liebsten sagen?

Romeo: Sollen sie machen, ne!

Vermisst ihr denn bei unserer Generation manchmal den Mut und dass es mehr solche Leute gibt wie euch, die einfach mal machen?

Tim: Ich würde den Leuten sagen, dass heute nichts sicher ist. Sie sollten das machen, was sie lieben und was sie wirklich machen wollen – und das vermisse ich wirklich.

Romeo: Ich glaube, es gibt viele Talente, die nicht genutzt werden, weil man irgendwie verunsichert ist.  Weil es genau diese Versprechungen gibt, dass man etwas Sicheres machen und Geld verdienen muss. Ich glaube, dass dadurch viele Talente nicht herauskommen – musikalisch oder auch künstlerisch allgemein. Es ist schon so, dass das heutzutage recht schwierig ist.

Fuck Art, Let's Dance!

Damian: Also wir kriegen es ständig mit, dass Leute uns ein bisschen anhimmeln. Ich will nicht sagen, dass die Leute nicht zufrieden sind. Aber es sind ein paar Leute, die wirklich auf Konzerte kommen und sagen: „Scheiße, ey!“ Du siehst ihnen richtig die Sehnsucht an. Deshalb gucken die sich das an und freuen sich umso mehr, wenn sie andere Leute sehen, die ausbrechen.

Tim: Deshalb machen wir das überhaupt. Das ist so der Grund, warum wir Musik machen. Und deswegen heißen wir Fuck Art, Let’s Dance!, um die Leute so ein bisschen – wir wollen nicht überheblich klingen – aber um die Leute so ein bisschen zu befreien auf unseren Konzerten. Damit sie die Möglichkeit haben, sich gehen zu lassen und auszubrechen – wenigstens für die Stunde, die wir spielen.

Fuck Art, Let's Dance!

Romeo: „Theoretisch kann man überall Pornos drehen, aber das Wort ‚Fuck‘ darf man nicht in den Mund nehmen.“

Jetzt mal zu einem anderen Thema: Ihr habt leider dieses böse „F“-Wort in eurem Bandnamen. Ich habe bei Spiegel Online gelesen, dass ihr mal ein Bankkonto eröffnen wolltet irgendwo und dass das wegen eures Namens nicht ging. Stimmt das?

Romeo: Ja, das ist voll merkwürdig. Bei der Deutschen Bank wurde es uns nicht erlaubt. Und jetzt sind wir bei der Postbank, die ja auch zur Deutschen Bank gehört. Aber am Schluss ist es okay. Es gibt bessere Banken als die Deutsche Bank. Aber die hatten so ein schön übersichtliches Modell. Deswegen wollten wir da ein Konto eröffnen. Aber scheiß drauf. Insgesamt gibt es aber viele Probleme mit dem Bandnamen. Auch im Radio manchmal, und bei Facebook sowieso.

Damian: Auch mit dem Markenschutz im Allgemeinen ist es kompliziert. Wenn du die Marke „Fuck Art, Let’s Dance!“ europaweit schützen lassen möchtest, stehst du in Großbritannien den Leuten auf den Füßen. Für die ist das einfach unverschämt.

Romeo: Das ist das Paradoxe. Theoretisch kann man überall Pornos drehen, aber das Wort „Fuck“ darf man nicht in den Mund nehmen. Es könnte auch noch in den 40ern sein.

Fuck Art, Let's Dance!

Apropos Bankkonto, kann man als Liveband heutzutage noch richtig Kohle verdienen? Oder macht ihr noch alle was nebenher?

Romeo: 1.000.000 Euro pro Show. Wir sind reich. Wir sind unglaublich reich. Es gibt eigentlich zwei Einnahmequellen. Wenn Leute Bands unterstützen wollen, geht das auf jeden Fall live, indem man zu Konzerten geht. Außerdem noch über das Merch. Das ist für die Bands immer die größte Hilfe, die auch direkt ankommt. Immer Merch kaufen!

Romeo: „Man muss viel proben, die ganzen Songs schreiben, sich um die Organisation der Band kümmern. Das ist ein Fulltime-Job.“

Wenn ihr nicht gerade irgendwelche Gigs habt, was macht ihr denn sonst den ganzen Tag so? Hängt ihr zusammen ab?

Damian: Däumchen drehen…

Romeo: Ne, also wir proben relativ viel. Ich mach auch noch das Studium nebenbei. Und das Konzert ist ja nur ein Stück vom Ganzen: Man muss viel proben, die ganzen Songs schreiben, sich um die Organisation der Band kümmern. Das ist ein Fulltime-Job.

Damian: Man muss sich das ungefähr wie ein kleines Unternehmen vorstellen. Und das müssen wir selbst führen. Vor allem am Anfang muss man sehr, sehr viel selbst machen. Du musst es dir selbst erarbeiten.

Romeo: Wir haben ja sogar die Unterstützung durch Audiolith, haben ein Label und eine Bookingagentur. Die Konzerte werden für uns gebucht. Ich kenne Bands, die das auch noch selber machen. Das ist so hart… Respekt dafür!

Nico Cham

Nico Cham

Ihr seid ja bei Audiolith unter Vertrag und habt euer Album in den Räumlichkeiten von Frittenbude in Berlin aufgenommen. Wie ist das entstanden?

Nico Cham: Angefangen hat es eigentlich damit, dass wir mal zusammen mit Frittenbude auf Tour waren. Wir sind alle zusammen im Nightliner gefahren und da kriegt man nach den Shows immer besoffen die besten Ideen, irgendwas zu machen. Und dann saßen wir halt mit Jakob Häglsperger von Frittenbude zusammen und er hat uns gefragt, was wir eigentlich vorhaben. Ich meinte so: „Erstmal Shows spielen und dann irgendwann ein Album aufnehmen.“ Und dann meinte er: „Warum machen wir das nicht zusammen?“ Und dann ist das eine auf das andere gefolgt. Wir sind für ihn für eine längere Zeit nach Berlin gezogen und haben das Album im Proberaum von Frittenbude aufgenommen. Es war immer sehr lecker, wenn die von der Tour wiedergekommen sind und ihre Tierchen-Kostüme zurückgebracht haben. Die haben immer sehr gestunken. Da konnte man sich immer sehr gut zu Hause fühlen.

v.l.n.r.: Tim Hansen & Nico Cham

v.l.n.r.: Tim Hansen & Nico Cham


Redaktion & Moderation: Jan Becker
Fotos: Till Holland
Produktion: Martin Wiens

Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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