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Frank Turner: „Ich wollte ein plakatives Fuck-You-Album machen“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[036] Frank Turner: „Ich wollte ein plakatives Fuck-You-Album machen“

Mit seinem entschieden poppigeren und angepasster klingenden Album „Tape Deck Heart“ hatte es der britische Sänger Frank Turner 2013 endgültig in den Mainstream und die Herzen vieler Radiostationen geschafft. Auf seinem neuen Album „Positive Songs For Negative People“ zeigt er sich nun wieder sowohl von seiner trotzigen als auch von seiner verletzlichen Seite und veröffentlicht damit sein bisher vielleicht vielfältigstes Album, das alle Facetten seines Schaffens vereint.

Im Interview mit Ernst.FM erinnert sich Frank Turner an seine vorherigen Besuche in Hannover, erzählt von der besonderen Beziehung zu seinen Fans und erklärt, wieso es einfacher ist, ein Underground-Künstler zu sein. Außerdem reden wir über seine Sicht auf die Pariser Anschläge und warum es seiner Meinung nach gerade jetzt für Bands wichtig ist, sich nicht einschüchtern zu lassen und weiter Konzerte zu spielen.


Danke, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst. Bevor wir über das Hier und Jetzt sprechen, hast du Erinnerungen an frühere Shows in der Stadt?

Frank Turner: Ich glaube, es ist unsere vierte Show hier. Unsere erste Headliner-Show überhaupt in Deutschland fand damals im Chéz Heinz statt. Ich erinnere mich sehr gut daran. Einerseits natürlich, weil ich begeistert war, dass es Leute in Deutschland gibt, die sich für meine Musik interessieren. Es war ausverkauft, obwohl ich hier noch nicht einmal eine Support-Tour gemacht hatte. Andererseits erinnere ich mich, weil Tarrant, unser Bassist, so wahnsinnig betrunken war, dass wir ihn in den Van tragen und festschnallen mussten. Er ist einfach durchgedreht. Einmal haben wir auch im Capitol gespielt. Dort gibt es das größte Badezimmer der Welt, es ist größer als die Garderobe!

Arne (l., Ernst.FM) und Frank Turner

Arne (l., Ernst.FM) und Frank Turner

Du hast auch mal in der Faust gespielt, daran erinnere ich mich gut. Du bist nach dem Konzert noch in die Menge gegangen und hast Fotos mit den Fans gemacht. Du hast auch eins mit mir gemacht, ich habe es mitgebracht.

Was für ein wunderschönes Foto!

Ich liebe es!

Weißt du, was? Diesen Hoodie habe ich verloren. Ich habe ihn geliebt! Es war ein handgemachter Hold-Steady-Hoodie! Jemand aus Minneapolis hat ihn extra für mich gemacht und ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist. Das ist echt traurig! Das ist eine meiner Lieblingsbands!

Ja, meine auch! Machst du das immer noch, nach dem Konzert in der Menge baden?

Meistens schon. Früher habe ich das immer und auf jeden Fall gemacht. Aber ich werde eben älter und langsam ein wenig anfällig. Ich mache das manchmal nicht mehr, weil ich irgendwann gemerkt habe, dass ich häufiger krank werde und Shows absagen muss, wenn ich zwei Stunden lang nach jeder Show den Kontakt zu den Fans suche. Manchmal ist mir eben einfach nicht danach. Einmal gab es eine Situation, in der ich mich wirklich geärgert habe. Ich musste mich nach der Show um eine Familienangelegenheit kümmern. Ein Fan hat mir dann eine Mail geschickt, in der stand: „Fick dich, du hast mich verraten!“ Ich finde nicht, dass ich ihn verraten habe. Da hat jemand ein Ticket gekauft für ein Konzert von mir, und er hat ein Konzert von mir bekommen. Ich habe alles für dieses Konzert gegeben! Ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen, wenn ich keine Zeit mit meinen Fans verbringe. Ich liege in meiner Koje und fühle mich schlecht. Wenn ich kann, komme ich nach den Shows noch raus. Aber an manchen Tagen kann ich eben nicht. Ich finde das vernünftig.

Ich finde es cool, dass du diese enge Beziehung zu deinen Fans pflegst.

Es ist doch so: Ich bin gar nicht anders als die Leute, die zu meinen Konzerten kommen. Wenn ich nicht selbst auf Tour bin, gehe ich ja auch auf Konzerte. Ich möchte mich gar nicht so sehr von den Leuten entfernen, die zu meinen Shows kommen.

Lass uns über dein Buch sprechen, das im März veröffentlicht wurde. Du schaust zurück auf deine Anfänge als Solokünstler und endest beim Wembley-Auftritt 2012. Wenn du dir die Jahre seitdem noch einmal anschaust: Was ist seitdem passiert, worüber du aus heutiger Sicht gerne noch schreiben würdest?

Es gab später noch ein paar Unannehmlichkeiten wegen dieser Olympia-Sache (Frank trat im Juni 2012 bei der Eröffnungsfeier der Sommerspiele im Olympiastadion London auf – Anm. d. Red.). Ich glaube, manche Leute hätten gerne, dass das das Unglaublichste ist, was jemals und überhaupt in meinem Leben passiert ist. Ich schäme mich nicht dafür, aber es ist einfach nicht so eine große Sache für mich. Ich finde, man sollte neuen Erfahrungen offen gegenüberstehen, und so etwas hatte ich noch nie gemacht. Darum habe ich zugesagt, aber das ist einfach passiert. Es gibt andere Sachen, die mir wichtiger sind. „Tape Deck Heart“ war das Album, das wir direkt im Anschluss veröffentlicht haben. Ich habe immer noch gemischte Gefühle zu dem Album. Es ist persönlicher als alles, was ich bis dahin und seitdem gemacht habe. Die Tour dazu war die Härte. Wir waren 14 Monate ohne Pause rund um die Welt unterwegs. Am Ende haben wir kein Wort mehr miteinander geredet. (lacht) Ich habe mir den Rücken gebrochen während der Tour, aber wir haben nicht aufgehört, haben einfach weitergespielt. Am Ende waren wir alle kriegsmüde. Dann kam „Positive Songs For Negative People“. Ich wusste genau, wie ich es haben will. Das Label hatte da ein bisschen Bauchschmerzen, und ich habe lange darum kämpfen müssen. Und ich habe gewonnen! Darauf bin ich sehr stolz, denn ich liebe dieses Album sehr. Es ist nicht so, als würde ich „Tape Deck Heart“ nicht lieben, aber damit ist es wirklich kompliziert. „Positive Songs“ dagegen – I just fucking love it.

Lass uns ein bisschen mehr über dieses Album sprechen. Es heißt „Positive Songs For Negative People“. Was für ein guter Titel!

Danke! Positive Lieder für negative Menschen!

Man spürt eher optimistische und zuversichtliche Vibes – gerade im Vergleich zu „Tape Deck Heart“. Da ging es ja eher um Verlust und Versagen einer Beziehung. Was hat dich jetzt zu diesem optimistischeren Ansatz verleitet?

Erstens war das die natürliche Reaktion auf „Tape Deck Heart“. Wie du gesagt hast: Es ist ein Album über Zusammenbruch und Versagen. Ich bin persönlich über diese schwierige Phase meines Lebens hinweg. Zweitens ist es mein sechstes Album. Es ist mein Statement: Ich bin noch hier, ich habe noch etwas zu sagen. Drittens ist es auch zu einem gewissen Grad eine Trotzreaktion. Ich wollte ein plakatives Fuck-You-Album machen. „Tape Deck Heart“ ist aus kreativer Sicht ein sehr verwirrtes Album. Das muss aber gar nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Ich habe einfach viel ausprobiert. Es ist zum Beispiel das erste Mal, dass ich mit einem Major Label zusammengearbeitet habe. „Tape Deck Heart“ war meine Evolution vom Underground- zum Mainstream-Artist, zumindest im UK und vielleicht auch in den USA. Bei Deutschland bin ich mir da nicht so sicher. Es hat sich also vieles verändert. Das hat bei manchen Menschen Zweifel geweckt, ob ich noch der Alte bin und so einen Scheiß. Da dachte ich mir: Fuck You, ich weiß, wer ich bin! Ich weiß, was ich tue! Fuck Off!

Ich höre auch einen starken Bruce-Springsteen-Einfluss heraus, stärker als auf den anderen Alben. Stimmst du dem zu?

Ja, ich denke schon. Es ist natürlich schwierig für mich, zu analysieren, welcher Einfluss genau von wo kommt, aber ich bin definitiv ein großer Fan. Wir haben „Positive Songs For Negative People“ mit der ganzen Band aufgenommen. Die E Street Band ist ein Vorbild für die Sleeping Souls.

Frank Turner: „Es ist verdammt einfach, ein Underground-Künstler zu sein.“

Der Release ist nun etwas mehr als fünf Monate her (Das Interview fand im Januar statt – Anm. d. Red.). Vielleicht ist es ein bisschen früh dafür, aber wie zufrieden bist du mit dem Ausgang und damit, wie die Leute darauf reagiert haben?

Ich bin sehr zufrieden damit, wie es am Ende geworden ist – beinahe zu zufrieden. Denn normalerweise treiben mich die Dinge, die mich am alten Album angepisst haben, an, ein neues Album zu machen. Aber am neuen Album stört mich im Moment gar nichts. Die Rezeption des Albums war sehr interessant. Auf einem emotionalen Level versuche ich zwar, gar nicht so sehr an mich heranzulassen, was andere Leute denken. Aber ich finde das schon interessant. Im UK bin ich jetzt an einem Punkt, an dem ich nicht mehr jemandes Geheimtipp bin, den die Journalisten pushen wollen. Die Rezensionen waren also eher mittelmäßig. Ich sage das immer allen Leuten, die sich etwas darauf einbilden, ein Underground-Künstler zu sein: Es ist verdammt einfach, ein Underground-Künstler zu sein. Die einzigen, die dich kennen, sind schließlich die, die dich mögen. Das ist einfach Fakt! Jeder kommt zu deinen Gigs und kriecht dir in den Arsch, niemand spielt dich im Radio, sondern sie schreiben in ihren Blogs über dich und behaupten, du seist ein verdammtes Genie. Wenn du unbekannt bist, bekommst du super Rezensionen – das ist toll! Aber von dem Moment an, in dem du im Mainstream angekommen bist, sind diese Blogger-Arschlöcher die ersten, die sich darüber profilieren, dass sie dich scheiße finden. Ich bete darum, dass irgendwann mal jemand eine Meinung über Musik hat, die nicht kontextgebunden ist. Alle lassen sich davon beeindrucken, was andere Menschen über die Musik denken. Es kann mir doch scheißegal sein, was jemand über meinen Musikgeschmack denkt! Also – in UK war es wirklich seltsam. In den USA und in Deutschland war das mein erfolgreichstes Album bis dato, ich habe hohe Chartpositionen und gute Verkaufszahlen erreicht. In Deutschland sind wir in die Top 10 geklettert. Ich hätte nie gedacht, dass das in meinem Leben mal passiert.

Herzlichen Glückwunsch! Lass uns über andere Musik sprechen, die du noch machst: Möngöl Hörde ist ein Nebenprojekt von dir.

Ja, genau. Die Umlaute geben dem Ganzen so einen Motörhead-Vibe! (lacht) Wir haben die Leute im UK damit gerne verarscht und haben behauptet, es wäre mir irre wichtig, es mit Umlauten auszusprechen. (lacht)

Ich fand das Album wirklich super! Macht ihr noch ein zweites?

Ja! Wir haben sogar bereits angefangen, über Albumtitel nachzudenken, obwohl wir noch nicht einen Song haben. Aber das macht einfach am meisten Spaß. Ich wollte es einfach „Möngöl Hörde II“ nennen, ein anderer Vorschlag war „The Human Centi Band“. Die anderen dachten nur: What the fuck … (lacht) Wir kümmern uns um die Band, wenn wir Zeit haben – und im Moment haben wir nicht viel Zeit. Vielleicht machen wir gegen Jahresende etwas Neues. Ich würde sehr gerne – noch ein Album, noch eine Tour. Wir waren ja bisher nur in England unterwegs, ich würde gern durch ganz Europa fahren mit Möngöl Hörde.

Frank Turner im Interview

In einer Lokalzeitung wurdest du neulich als Folkbarde bezeichnet. (Frank lacht) Schaut man sich mal deine musikalische Entwicklung an in den letzten Jahren, besonders die kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Sleeping Souls – würdest du dem immer noch zustimmen, oder greift dir das zu kurz?

Erstens versuche ich nicht so viel darauf zu geben, wie sie mich nennen. Zweitens finde ich, dass sich meine letzten Alben schon vom Folk entfernt haben. Aber ich habe Lust, wieder ein Album zu machen, dass sich auf die Gitarre und die Geschichten konzentriert. Vor dem Hintergrund, glaube ich, werden sich meine nächsten Sachen wieder mehr dem Folk zuwenden. Nichtsdestotrotz gab es immer schon Leute, gerade aus der traditionellen Szene, die behauptet haben, ich hätte mit Folk nichts am Hut. Ich verstehe das sogar, ich singe ja keine traditionellen Songs. Es stört mich nicht, wenn Leute das sagen.

„Fickt euch, ihr verfickten reaktionären, konservativen, religiösen Arschlöcher!“

Lass uns über ein etwas ernsteres Thema sprechen. Vor ein paar Monaten sind wir alle Zeugen der Terroranschläge von Paris geworden, auch die Eagles Of Death Metal waren betroffen. Zu der Zeit stecktest du gerade mitten in deiner UK Tour. Andere Bands, die nicht direkt betroffen waren, haben ihre Shows abgesagt. Du aber hast dazu aufgerufen, doppelt so viel zu spielen wie sonst – obwohl du mit Nick Alexander in der Nacht sogar einen Freund verloren hast. Hattest du Schwierigkeiten damit, in den folgenden Tagen auf der Bühne zu stehen?

Ich würde es nicht Schwierigkeiten nennen. Natürlich fühlt man sich da irgendwie zugehörig, und natürlich war das eine Attacke auf die Musikcommunity, auf Konzertgänger und die Menschen, die bei der Show waren. Am Tag danach war definitiv eine seltsame Stimmung in unserer Crew. Wir alle kannten manche der Leute, die an dem Abend die Verstärker ins Bataclan reingetragen haben, aber nicht wieder raus. Das hat sich schon komisch angefühlt. Als wir kurz darauf in Manchester gespielt haben, konnte man von der Bühne aus die Vordertür sehen. Es gab ein paar Sekunden, in denen ich mich gefragt habe, was ich tun würde, wenn plötzlich Leute mit fucking Gewehren in der Hand durch die Tür kämen. Aber ich bin enttäuscht von ein paar Kollegen, weil sie ihre Tourneen abgesagt haben. Ich rede nicht von den Foo Fighters. Sie wurden dazu aufgefordert, ihre Shows abzusagen, und das war auch legitim (Die Foo Fighters sollten drei Tage nach dem Angriff auf das Bataclan ebenfalls in Paris und Lyon spielen. Sie sagten die verbliebenen drei Termine ihrer Welttournee ab – Anm. d. Red.) Ich glaube nicht, dass Konzerte mehr oder weniger gefährlich sind als vor oder nach dem Anschlag. Aber es gab Bands, die ihre Tourneen abgesagt haben, obwohl sie noch nicht einmal begonnen hatten und zum Beispiel in Deutschland stattfinden sollten. Das ist ein anderes Land, reißt euch verdammt noch mal zusammen! Um ehrlich zu sein, hat sich ein kleiner Teil meines Hirns schon jahrelang gedacht, dass ein Konzert für einen IS-Idioten eine gute Gelegenheit ist, die weiße Mittelklasse zu treffen. Terrorismus will einschüchtern. Wenn wir diesen Arschlöchern, die eine Gesellschaft anstreben, gegen die sich jede Faser meines Seins sträubt, etwas entgegenhalten wollen, müssen wir weiterhin sein, wer wir sind. Es gibt ein Zitat aus einem ihrer Manifeste, in dem sie behaupten, sie hätten im Bataclan eine perverse Party (im Original ist die Rede von apostate prostitution parties – Anm. d. Red.) angegriffen. Ich finde, das klingt doch nach einem guten Konzert! (lacht) Ich möchte bitte, dass all meine Gigs perverse Partys sind. Nein, ehrlich: Fuck you, ihr verfickten reaktionären, konservativen, religiösen Arschlöcher. Fuck off. Puh, sorry …

Nein, das war eine tolle Antwort, danke dir! Eine letzte Frage habe ich noch: Was steht an für dich neben Touring und Möngöl Hörde? In den Feiertagen hast du getwittert, du würdest jetzt an neuem Material für die Sleeping Souls arbeiten.

Da bin ich womöglich übers Ziel hinausgeschossen. Ich schreibe oft neue Sachen und finde sie dann beim erneuten Hören repetitiv und verwerfe sie wieder. Aber das ist okay. Ich habe gerade sechs Alben in zehn Jahren gemacht. Ich werde mit dem aktuellen Album mindestens bis Sommer 2017 unterwegs sein, habe also Zeit. Wie gesagt, ich hätte Lust, mal wieder etwas mit mehr Folk-Fokus zu machen. Aber vielleicht ändere ich nächste Woche auch meine Meinung.


Interview: Arne Janßen
Text: Stefanie Schweizer & Laura Weinert

Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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