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Fabian Römer: „Ich bin ein ganz-oder-gar-nicht-Mensch.“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[026] Fabian Römer: „Ich bin ein ganz-oder-gar-nicht-Mensch.“

Kevin Spilker (Ernst.FM) & Fabian Römer (Foto: Florian Koch / farbpr8)

Seit über 10 Jahren macht der 25-Jährige Fabian Römer, früher F.R., Musik. Nach einer vierjährigen Pause bespielt er nun wieder die Bühnen des Landes mit seinem neuen Album „Kalenderblätter“. Bei bestem Sonnenschein traf Ernst.FM-Redakteur Kevin den Rapper hinter der 60er-Jahre-Halle, um mit ihm über seine herbstlich klingende Platte, die lange Auszeit und seine berufliche sowie musikalische Zukunft zu sprechen.


„Kalenderblätter ändern Ende September die Farbe“ – wie geht es dir jetzt, wo der Herbst anbricht?

Sehr gut! Ich freue mich, dass ich das Lied „Kalenderblätter“ im September spielen kann, weil ich nach meinem Gefühl ein sehr herbstliches Album im Sommer rausgebracht habe. Deswegen ist es schön, auf Tour zu sein und zu merken: Cool, ich habe da so ein paar Lieder, die passen ganz gut in die Jahreszeit.

Hattest du den herbstlichen Sound deines Albums schon vor der Produktion geplant oder ist das eher zufällig entstanden?

Das ist eher zufällig entstanden. Dass sich in den Texten sehr viele Bezüge zum Wetter und zu Jahreszeiten wiederfinden, habe ich erst im Nachhinein bemerkt. Anfangs ist mir der Titel des Albums auch noch nicht so richtig zugeflogen. Als dann aber der Song „Kalenderblätter“ dazu kam, war es total naheliegend, das Album so zu nennen, zumal ich mich von Anfang an auf zwölf Songs reduzieren wollte. Das hat alles ganz gut gepasst.

Zwischen Hannover und Braunschweig herrscht von jeher eine Rivalität. Wie ist es für dich, als gebürtiger Braunschweiger in Hannover zu spielen?

Ach, solche Rivalitäten muss man in der Musik einfach außer Acht lassen. Dafür, dass ich in Hannover und nicht in meiner Heimatstadt spiele, habe ich natürlich schon Schläge von einigen Braunschweigern bekommen – nur online natürlich! Aber das liegt einfach an der blöden Locationlage. In Braunschweig gibt es leider seit der Schließung der Meier Music Hall nicht wie in Hannover eine Faust, deren Größe perfekt für mich ist. Gestern habe ich bei meinem Auftritt in Hamburg schon einige Braunschweiger getroffen, die sich offenbar nicht die Blöße geben wollten, nach Hannover zu kommen. Aber für das Konzert in Hannover haben sich immerhin auch ein paar angekündigt, so groß kann die Rivalität also nicht sein.

Heimat thematisierst du auch in deinem Song „Zimmer ohne Zeit“. Was bedeutet Heimat für dich?

Ich glaube, Heimat ist gar nicht so örtlich. Sie ist da, wo dein Herz ist. Ich wohne jetzt seit fünf Jahren in Berlin und fühle mich dort total zuhause. Wenn ich mal drei, vier Tage in Braunschweig war und zurück nach Berlin komme, fühlt sich das wie eine Heimkehr an. Klar ist Braunschweig nach wie vor meine Heimat und ich gehe gerne dorthin zurück, aber Berlin eben auch. Im Prinzip habe ich mehrere Heimaten, sogar auf Tour fühle ich mich zuhause.

2008 hast du den Song „Rap braucht Abitur“ veröffentlicht. In den darauffolgenden Alben hast du diese Aussage aber verworfen und in diesem Zusammenhang auch dir selbst die Frage gestellt, wo es in Zukunft hingehen soll. Jetzt nennst du dich selbstbewusst Musiker und Künstler. Wie kam es zu diesem Wandel?

Ich hatte das Privileg, mich von Jahr zu Jahr durchmogeln zu können und dabei habe ich gemerkt, dass ich einigermaßen von der Musik leben kann. Ich habe nie die Entscheidung getroffen, ab sofort Musiker oder Künstler zu sein. Der Wandel kam ganz natürlich.

Aus deinen Songs kann man heraushören, dass du auch über ein Studium nachgedacht hast. Welcher Studiengang wäre es geworden?

Mein Problem ist, dass ich ein ganz-oder-gar-nicht-Mensch bin. Ich spiele immer noch mit dem Gedanken, zu studieren. Aber ich weiß genau, dass ich mich dann auch eine ganze Zeit lang nur darauf konzentrieren würde. Das passt mit meiner Musik nicht so richtig zusammen. Zwar nehme ich mir ständig vor, mir nach dem nächsten Album Zeit dafür zu nehmen, aber das ist bisher nicht passiert. Wenn ich wüsste, welcher Studiengang der richtige ist, hätte ich schon längst angefangen. Ich bin wohl einer dieser Menschen, der einfach schaut, was er in der Schule gut konnte und das dann im Studium weiterführt. Dementsprechend wäre etwas Sprachliches naheliegend, Deutschlehrer oder so. Oder eben irgendetwas mit Medien, denn in diesem Bereich konnte ich in den letzten Jahren einige Connections knüpfen.

Viele in deinem Alter machen ein Gap Year. Bei dir sind es vier geworden. Warum wurde deine musikalische Auszeit so lange?

Das war keine bewusste Entscheidung, sondern hat sich so ergeben. Ich hatte das Bedürfnis, zu reisen, für andere Leute zu schreiben und einfach zu leben. Bis 2011 hatte ich einen sehr regelmäßigen Output. Danach war es an der Zeit, sich ein paar grundlegende Fragen zu stellen: Was will ich eigentlich machen? Wie soll meine Musik klingen? Wo will ich hin? Wie soll mein Tagesablauf aussehen?

Was hast du in dieser Zeit gelernt? Bist du musikalisch oder persönlich weitergekommen?

Ich habe viel gesammelt, sowohl Lebenserfahrung als auch Material für meine Texte. Das spiegelt sich auch in meinem Vorgehen wieder: Ich setze mich nie einfach hin und schreibe etwas, sondern sammle lieber einzelne Fragmente, die sich im besten Fall zu einem runden Text zusammenfügen.

Ein enthusiastischer Passant ruft: „Fabian Römer!“

Hannover ist auf deiner Seite!

Stark. (lacht)

Wird dem aktuellen Album eine ebenso lange Pause folgen?

Das ist schwer zu sagen. Eine Tour gibt einem oft einen kreativen Schub und stärkt das Selbstvertrauen. Das liegt daran, dass man wieder merkt, dass man tatsächlich gehört wird und dass man die Leute direkt vor sich sieht. Das sorgt für eine krasse Motivation, neue Sachen zu machen. Es kann aber auch genauso gut sein, dass ich erstmal wieder ein wenig Abstand nehme. Ich lasse mich einfach von mir selbst überraschen, hoffe aber natürlich, dass es nicht wieder vier Jahre dauern wird.

Dein Namenswechsel von F.R. zu Fabian Römer hat Befürchtungen geweckt, dass du nach deiner Rückkehr nicht mehr der Gleiche bist. Welchen Eindruck hast du jetzt nach dem Album-Release von den Reaktionen?

Die Reaktionen waren sehr, sehr positiv, obwohl ich eigentlich mit allem gerechnet hatte. Bisher ist es meine am besten besuchte Solotour. Ich treffe auf viele bekannte Gesichter, die mir offenbar treu geblieben sind. Aber es sind auch viele neue Leute dabei. Ich frage bei jeder Show, wer erst durch „Kalenderblätter“ von mir gehört hat. Natürlich ist es immer ein bisschen uncool, einen Künstler erst seit Kurzem zu kennen, aber es melden sich trotzdem jedes Mal einige. Die Mischung aus alten und neuen Leuten ist einfach sehr gut und die meisten lassen sich auch von meinen alten Sachen mitreißen.

Deine Alben spiegeln immer auch deine persönliche Entwicklung: Das Abitur, die Frage nach deinen Zielen und deiner beruflichen Zukunft. „Kalenderblätter“ fühlt sich so an, als seist du endlich angekommen. Würdest du das bestätigen?

In meinen letzten Alben habe ich ganz viele verschiedene Stimmungen ausprobiert und wollte auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. „Kalenderblätter“ ist vielleicht ein bisschen unaufgeregter, da habe ich eine Art künstlerische Mitte gefunden. Ich würde aber auf keinen Fall behaupten, ich wäre angekommen und erwachsen und ein abgeschlossener Künstler, der nicht mehr auf der Suche ist.

Hast du schon eine Idee, in welche thematische Richtung dein nächstes Album gehen könnte?

Nein, gar nicht. Ich habe ein, zwei Notizen in mein Handy gehackt, ansonsten ist da aber tatsächlich noch nichts. Nach der Tour werde ich mich vielleicht mal hinsetzen und darüber nachdenken. Aber eigentlich stecke ich nie im Vorhinein ein Thema ab, das entsteht einfach so bei der Produktion.

Auf „Kalenderblätter“ kommen viele verschiedene Emotionen und Lebenseinstellungen vor. Würdest du das Album eher optimistisch oder pessimistisch verorten?

Wenn man Melancholie als etwas Negatives sieht, dann ist es wohl ein pessimistisches Album. Ganz viele Songs weisen aber auch Perspektiven auf, gehen vom Dunkeln ins Helle, zum Beispiel „Dreh den Nebel um“, „Übersommern“ oder „Das Beste kommt noch“. Das sind alles „Mut-mach-Songs“. Der Versuch, positiver zu denken, zieht sich durchs gesamte Album.

Im Track „Dominoleben“ stellst du die Frage: „Wollten wir nicht einmal so viel erleben?“ Gibt es Dinge, die du noch erleben willst, oder Dinge, die du wahrscheinlich nicht mehr erleben wirst?

Ich will noch eine Menge erleben, aber trotzdem war ich nie jemand, der bestimmte Träume oder Ziele hat. In meinem Kopf ist keine Wunschvorstellung vom Haus und der Familie. Ich bin noch total frei und warte einfach ab, wo es hingeht. Und mit Sicherheit gibt es auch Dinge, die ich nicht mehr erleben werde. Ich finde es spannend, was im Weltraum erforscht wird und würde gerne noch länger mitverfolgen, wie das Wissen immer größer wird. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir wegsterben kurz bevor es richtig spannend wird.


Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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