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eRRdeKa:  „Indie ist auf jeden Fall Einstellungssache.“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[006] eRRdeKa: „Indie ist auf jeden Fall Einstellungssache.“

Foto: 50/50 Berlin

Der Augsburger eRRdeKa gehört derzeit wohl zu den gefragtesten Newcomern in Rapdeutschland. Nach dem Release seines Debütalbums „Paradies“ tourte er quer durch Deutschland. Ich habe ihn für Ernst.FM vor seinem Konzert im Lux getroffen, etwas mit ihm gequatscht und bin natürlich für die Show geblieben. eRRdeKa: ein gutaussehender Typ in Skinny Jeans, der seine deepen Lyrics in vorzugsweise stark elektronische Beats einbettet. Wenn #wasted auf #emotional trifft, erwartet der engstirnige Konzertgänger vielleicht einen Auflauf schrill kreischender Mädchen. Stattdessen war das Publikum bunt gemischt und es duftete permanent nach Gras – wie es sich für jedes gute Rap-Konzert gehört. Der vollste Kerl im Publikum und vielleicht in ganz Linden machte durch regelmäßige Zwischenrufe à la „Macht mal Lärm!“ oder „Eeey!“ auf sich aufmerksam und die Crowd ging tatsächlich darauf ein. Insgesamt war es ein gelungenes Konzert mit einem hervorragenden Shawn the Savage Kid als Support-Act.


Du hast gerade dein offizielles Debütalbum rausgebracht, bist jetzt auf Tour, bist beim Label Keine Liebe unter Vertrag – wie fühlst du dich dabei?

eRR: Momentan bin ich mega zufrieden, weil das ganze Album-Release super gelaufen ist. Natürlich geht’s immer besser, aber so wie es gelaufen ist, war es eigentlich perfekt für uns. Hätte ich auch selber nicht gedacht. Auf der Tour sind auch ein paar Städte ausverkauft – und egal, wo man spielt: Das Feedback ist immer gut, die Leute haben mega Bock und es ist auch immer ’ne mega Stimmung am Start. Es macht Spaß und läuft soweit alles ganz gut.

Läuft bei dir. Du kommst aus Augsburg. Das ist eine recht kleine Stadt mit etwa 250.000 Einwohnern. Also noch kleiner als Hannover. Mit deinem Label sitzt du in Berlin, wo du dann das krasse Urbane hast. Reizt dich das Kleine mehr oder was hält dich in Augsburg?

eRR: Dadurch, dass ich jetzt öfter in Berlin bin, um da zu arbeiten und aufzutreten, hat das ein bisschen an Charme verloren für mich. Am Anfang, als ich da zu Besuch war, Urlaub gemacht hab und so, war natürlich alles neu, alles super. Aber je öfter man da eben ist, desto mehr freut man sich auch wieder, nach Hause in die kleine, etwas ruhigere Stadt zu kommen. Da ist auch mein komplettes soziales Umfeld und das bringt mich immer wieder schön runter, wenn ich da bin. Deswegen versuche ich einfach, so lange wie möglich in Augsburg zu bleiben. Ich will gar nicht ausschließen, dass ich vielleicht irgendwann mal in eine größere Stadt ziehe. Aber solange es alles noch so funktioniert, ist es für mich eine gute Erdung.

„Paradies“ wurde als dein Debütalbum vermarktet. Du hattest aber vorher schon mehrere Releases, die auch als Alben gehandelt wurden. Nimmst du „Paradies“ als dein Debütalbum wahr oder ist das eher die Vermarktungsstrategie?

eRR: Ich habe damals ehrlich gesagt nicht wirklich den Unterschied gekannt zwischen Mixtape und Album. Ich hab’ einfach alles, was mehr als 15 Tracks hatte, als Album bezeichnet. Obwohl es eigentlich auch ein Mixtape war, weil alle Beats for free waren oder Instrumentals von bekannten Tracks. „Paradies“ ist jetzt auch physisch erhältlich. Deshalb nehme ich es als erstes wirkliches Werk wahr. Der Arbeitsvorgang an so einer Platte ist auch komplett anders als an einem Mixtape. Da muss man viel mehr beachten, man geht ganz anders an die Sache ran. Ich habe schon gemerkt, das ist jetzt mal was Richtiges und nicht so ein in einer Woche hingeklatschtes Ding.

Für alle, die dich und deine Musik noch nicht kennen: Wie würdest du das, was du stilistisch und inhaltlich bei „Paradies“ abgeliefert hast, beschreiben?

eRR: „Paradies“ ist ein relativ persönliches Album geworden, ziemlich tiefgründig von den Inhalten her. Düster, melancholisch – aber da sind auch ein paar Tracks, die ein bisschen rausstechen, um nicht ganz den typischen Hip-Hop-Faden der alten Eyeslow-Tracks zu verlieren. Das Klangbild der Beats ist ziemlich flächig und ich habe schon öfter gehört, dass man es als „cloudy“ bezeichnet. Das wusste ich aber davor gar nicht. Es sind zwar krasse Hip-Hop-Drums aber auch viele elektronische Elemente dabei, weil ich selber gerne elektronische Musik höre. Deswegen wollte ich das einfließen lassen. Ansonsten muss man das Album einfach hören, dann kann man sich selber ein Bild davon machen.

Du bist bei „Keine Liebe Records“ unter Vertrag, dem Label von Prinz Pi. Ist die Entscheidung für ein Indie-Label eine Herzensentscheidung gewesen oder hat sich das einfach so ergeben? Ich denke mir, dass du mit Sicherheit auch Major-Anfragen bekommen hast.

eRR: Es gab auf jeden Fall schon andere Angebote. Aber ich habe von Anfang an immer versucht, alles selber zu machen, weil ich dann auch voll dahinter stehen kann. Es kotzt mich an, wenn ich irgendwas aus der Hand gebe und es gefällt mir dann nicht. Ich arbeite lieber mehr, als dass ich was abgebe. Da war für mich diese ganze Indie-Sache eigentlich schon klar. Auch weil ich weiß, dass man da mittlerweile so gute eigene Strukturen hat, dass man mit Indie-Alben auf Platz eins charten kann. Der Hauptgrund war aber, dass ich die Leute bei „Keine Liebe“ super finde. Dieses zwischenmenschliche Ding ist für mich ganz wichtig. Ich kann nicht gut mit den Leuten zusammenarbeiten, wenn ich mich da nicht zu 100 Prozent gut fühle. Indie ist sympathisch. Da kommt man überall besser an. Wenn man zum Beispiel ein Video mit einer Firma drehen will und die sehen, du bist ein Indie- und kein Major-Label, dann machen sie natürlich gleich den Preis ein bisschen niedriger. Aber darum geht’s gar nicht. Indie ist auf jeden Fall eine Einstellungssache.

Du hast gerade schon angesprochen, dass du gerne alles selber in die Hand nimmst. Bei Prinz Pi habe ich mitbekommen, dass es noch mehr als bei anderen Indie-Labels eine DIY-Mentalität gibt – bei ihm sogar bis hin zu selber nachgebauten Vintage-Effektgeräten. Er ist auch Grafiker und macht Albencover selbst. Du bist ja auch Grafikdesigner. Machst du sowas auch selber?

eRR: Vom Erscheinungsbild her ist beim Album eigentlich alles komplett von mir. Natürlich hole ich mir auch mal Rat von Pi. Aber ich hab da meinen eigenen starken Kopf und weiß ganz genau, wie etwas aussehen und wo es hingehen soll. Ich lasse mich gerne beraten, aber ob ich das im Endeffekt annehme, ist eine andere Sache. Merch, Albumcover – alles selber designt. Ich finde, wenn man schon so viel Persönliches in die Tracks legt, dann sollte alles so persönlich wie möglich und eine runde Sache sein. Deswegen lass ich mir da ungern reinreden. Manchmal kann man schon irgendwelche kleinen Dinge abgeben. Aber wenn ich dann einen Banner sehe, den irgendein Grafikdesigner bei iTunes hingerotzt hat, denke ich so: Wow, hätte ich jetzt lieber selber gemacht, dann würde mich das jetzt nicht so ankotzen.

Und was den Produktionsbetrieb angeht? Bist du jemand, der ganz viele Beats zugeschickt bekommt und dann pickt, oder hast du direkt mit einem Produzenten zusammengearbeitet und auch eigene Ideen und Vorstellungen eingebracht?

eRR: Am Anfang des Albums war es so, dass mir Beats geschickt wurden. Da waren auch krasse dabei, aber das hätte dann wieder diesen Mixtape-Charakter gehabt. Das finde ich für ein Debütalbum nicht so cool. Ich wollte von Anfang an ein eigenes Klangbild erschaffen. Dann hat mich der Producer Max Mostley angeschrieben. Er hat einen Track von mir gehört und hat mir dann gleich einen Beat geschickt, den ich überkrass fand. Ich habe mich mit ihm getroffen, weil man ja auch erst mal checken muss, ob das so passt, ob man vier Wochen zusammensitzen und an etwas arbeiten kann. Wir haben uns alles Mögliche an Musik angehört, also ganz viele verschiedene Genres. Wir haben geguckt, welche Elemente uns gefallen und dann versucht, unser eigenes Klangbild zu kreieren. Ich denke, dass uns das auch ganz gut gelungen ist und so werde ich das auch weiterhin betreiben.

Ich habe auch den Eindruck, dass es insgesamt ein recht homogenes Klangbild ist über Albumlänge hinweg. Jetzt, weil es so schön leicht ist, ein paar Entweder-oder-Fragen: Band oder DJ?

eRR: DJ.

Öffis oder Auto?

eRR: Öffis.

Club oder Kneipe?

eRR: Das kann man nicht so pauschal sagen, aber: Club.

Bahamas oder Alaska?

eRR: Bahamas.

EDEKA oder KaDeWe?

eRR: Edeka, jau!

Richtige Antwort. Das Jahr neigt sich ja jetzt dem Ende zu. Deshalb die obligatorische Frage: Hast du irgendwelche Vorsätze, wie es nächstes Jahr weiter geht?

eRR: Es gibt einige Sachen, da würde ich mich mehr reinfuchsen wollen. Zum Beispiel Filmschnitt oder eigene Beats besser produzieren – vor allem im Bereich der Techno-Musik. Ich möchte mich einfach in allen Bereichen weiterentwickeln. Musikalisch haben wir schon was angefangen, aber man weiß nicht, ob es ein Mixtape ist oder wieder was fürs Album. Gerade bin ich mit den Gedanken erst mal noch bei der Tour und will ich mich da voll drauf konzentrieren. Wenn ich jetzt schreiben würde, würde nichts Sinnvolles dabei rauskommen, weil ich den Kopf nicht frei hab. Ansonsten lass ich alles auf mich zukommen. Ich hab’ Bock auf alles und bin gespannt, was da noch so kommt. Wird sicher ganz schön werden.

Ich bin gespannt. Dann wünsche ich dir heute Abend noch viel Spaß in Hannover beim Gig und dem Rest der Tour.

Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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