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Die Nerven: „Wir werden gerne als Rausschmeißer gebucht“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[039] Die Nerven: „Wir werden gerne als Rausschmeißer gebucht“

Kevin Kuhn an den notdürftig mit Tape reparierten Drums. Fotos (5): Sebastian Mast

Das Album „Out“ der Band Die Nerven ist schon eine Weile auf dem Markt. Der Presse hat es gefallen. Uns ebenfalls. Deshalb hat sich Redakteur Lennard auch gefreut, Die Nerven treffen zu können und zu erfahren, dass die Band auf Festivals immer nach den Lulli-Musikern mit Akustikgitarren aufräumen muss. Nebenbei berichteten Die Nerven dann auch noch von ihren akustischen Experimenten mit Schmerzen.


Wir schreiben Tag fünfzehn des zweiten Teils eurer „Out Tour“. Habt ihr es bis jetzt gesund und unversehrt überstanden?

Julian: Glaub schon.

Euer Publikum auch?

Julian: Auf gar keinen Fall … Nein, ich glaube, es sind schon alle unversehrt geblieben. Wir sind eben immer etwas laut. Aber es hat sich niemand beschwert.

Da muss ich an eure Textzeile aus dem Song „Den Tag vergessen“ denken: „Manche haben sich was in die Ohren gesteckt.“ Ist das eine Reaktion eures Publikums gewesen?

Julian: Kann man so deuten, wenn man möchte. Ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Manche stecken sich bei unseren Konzerten eben etwas in die Ohren. Es muss jetzt nicht unbedingt ein Gehörschutz sein. Es kann ja auch ein Kopfhörer mit Musik sein oder so.

Wie empfindet ihr das, wenn sich Leute einen Gehörschutz auf euren Konzerten zulegen?

Julian: Das ist die Verantwortung, die jeder selbst gegenüber seiner Gesundheit hat: Ob man sich voll wegblasen lassen möchte oder sich Gehörschutz reinmacht. Das ist eigentlich relativ egal. Es geht vor allem darum, dass man die Musik spürt. Die spürst du ja auch, wenn es dumpfer klingt.

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Die Nerven (v.l.n.r.): Max Rieger, Julian Knoth, Kevin Kuhn.

Ich habe gesehen, ihr habt in eurem Gründungsjahr 2010 bei einem Themenabend ein Experiment zu Selbstverletzung gemacht?

Max: Ja, tatsächlich. Das war die erste inoffizielle Die-Nerven-Show überhaupt. Wir haben uns Verstärker und Instrumente mitgenommen und hatten vor, Lärm zu machen. Und zwar so lange, bis die erste Person die Hand hebt, wenn es ihr zu viel wird. Das war etwa nach einer Minute der Fall. Dann haben wir aufgehört zu spielen. Für uns war es der Hammer. Wir haben für damalige Verhältnisse unglaublich viel Geld dafür bekommen, dass wir nicht einmal eine Minute auf der Bühne standen. An dem Tag haben wir auch unser erstes Interview gegeben. Extrem euphorisch sind wir abends mit Fenster runter zurück nach Stuttgart gefahren. Wir haben aus dem Fenster rausgeschrien und gedacht: „Jetzt haben wir es geschafft!“

Die „Intro“ schreibt über euer neues Album „Out“: „Die prototypischen, ungezügelten Lärmausbrüche der Vergangenheit wurden reduziert.“ Als ich mir das Album angehört habe, hatte ich dieses Gefühl auch.

Max: Ich finde das gar nicht. Ich finde aber auch nicht, dass die Platte wie eine Kreissäge klingen muss. Wir hatten schon das Bedürfnis, etwas zu machen, was man sich auch anhören möchte.

Julian: Wir wollten die Lärmausbrüche pointierter einsetzen. Eben entgegengesetzt zu Stellen, die auch mal leise oder ein bisschen stringent sind. Damit der Ausbruch im Kontrast dazu deutlicher wird.

Thurston Moore von Sonic Youth hat das ziemlich gefallen und hat euch im letzten „Musikexpress“ sehr gelobt. Fühlt ihr euch gebauchpinselt?

Max: Ist natürlich nett, wenn es ihm gefällt. Wir haben uns sagen lassen, er hätte jetzt auch eine Platte von uns. Er hat eine geschenkt bekommen. Aber meine Güte, wie viele Platten hat der wohl? Da muss man sich jetzt nicht groß was drauf einbilden. Aber nett ist es schon. Ich habe viel Respekt vor seiner Musik und seinem Schaffen.

Er hatte auch den schönen Titel „RAF-Partyband“ für euch. Auf was für Partys habt ihr schon gespielt?

Max: Auf keiner RAF-Party. Oh Gott, wir haben schon auf furchtbaren Partys gespielt. Da möchte ich gar nicht ins Detail gehen. Mir fällt auf Anhieb auch keine ein, die jetzt pointiert lustig oder abgefahren wäre.

Oder vor einem unüblichen Publikum?

Max: Eigentlich bei ziemlich jedem Sommerfestival. Wir werden gerne als Rausschmeißer-Act gebucht. Da haben den ganzen Tag irgendwelche Lullis an ihren Akustikgitarren herumgeweint und dann müssen wir am Schluss ran. Da stehen manchmal die Leute vor der Bühne und denken sich: „Was soll das jetzt?“

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Ein barmherziger Samariter versorgt die schwitzende Menge mit frischer (?) Luft.

Zurück zu Thurston Moore. Was haltet ihr überhaupt von Sonic Youth?

Max: Ich mag Sonic Youth ganz gerne. Ich finde, es ist eine wichtige Band für die Zeit, aber sie haben mich nie wirklich vom Hocker gehauen. Aber es gibt viele Bands, die mich nicht vom Hocker gehauen haben, weil ich der Generation angehöre, die schon Musik aus dem darauffolgenden Schritt zu hören bekommen hat. Also Bands, die sich von Sonic Youth haben inspirieren lassen. Ich hatte erst einmal den Zugang zu diesem Sekundären. Als ich dann das Primäre, in dem Fall Sonic Youth, gehört habe, hat es mich gar nicht so geflasht.

Habt ihr euch bei „Out“ von Bands inspirieren lassen, von man sagen würde: „What the fuck?“

Max: Wahrscheinlich wäre sogar jede Band, von der wir uns eventuell haben inspirieren lassen, ein „What the fuck“ wert. Weil der Gedanke dann doch zu abstrakt ist. Bei den beiden Herrschaften (Kevin und Julian, Anm. d. Red.) waren es Chk Chk Chk und LCD Soundsystem. Das hört man auf der Platte aber überhaupt nicht. Bei mir war es Talk Talk und sowas. Es geht bei diesen musikalischen Einflüssen aber auch immer um einen guten Ansatz oder die Produktionsweise.

Julian: Fugazi.

Max: Genau. Fugazis „The Argument“ war eigentlich so das Ding. Die erste und zweite Grinderman-Platte auch, die haben im entferntesten Sinne auch noch ein bisschen etwas damit zu tun. Aber es soll auch gerne abstrakter sein. Wir lassen uns da viel Handlungsspielraum.

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Definitiv keine Lullis, die an Akustikgitarren rumweinen: Die Nerven.

In der Musikpresse scheinen sich alle recht einig zu sein, was euer neues Album angeht: Die feiern es ziemlich und mögen euch gerne. Könnt ihr euch erklären, warum?

Max: Weil wir uns überhaupt keine Mühe gegeben haben, von den Medien überhaupt besprochen zu werden. Ich kann mir vorstellen, dass der Job eines Musikjournalisten ziemlich frustrierend ist. Man bekommt in der Woche zehn Releases auf den Tisch und eines ist vom anderen nicht zu unterscheiden. Ohne jetzt arrogant klingen zu wollen: Vielleicht war es bei uns etwas anderes.

Julian: Immer verstehen kann ich die Musikpresse auch nicht. Nachvollziehen kann ich aber, warum viele „Out“ gut finden. Es ist schon eine Platte, die anders klingt. Wir haben sie aber nicht gemacht, damit die Journalisten sie geil finden. (lacht)

Fand denn jemand das Album scheiße?

Kevin: Die negativste Review war, dass es noch ein bisschen Luft nach oben gibt und der ein oder andere Moment uninspiriert vor sich hindümpelt. Und dann gibt es noch Leute, die auf Unterste-Schublade-Niveau gegen uns abhaten. Aber nicht zwangsweise gegen unsere Musik.

Julian: Es gibt Leute, die haben eben was gegen unsere Fressen. Die mögen uns einfach nicht. Manchmal denke ich mir: „Warum finden uns eigentlich nicht mehr Leute scheiße?“ Weil die Musik doch schon irgendwie besonders ist. Ich dachte immer, sie polarisiert mehr. Aber eigentlich finden uns überwiegend viele Leute gut. Das hätte ich nicht erwartet.

Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Ich bin gespannt auf euren Auftritt. Wenn es zu laut wird, gebe ich euch ein Handzeichen, ok?

Max: Das interessiert uns heutzutage nicht mehr.

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Rollenwechsel bei der Zugabe und ein unerwartet popmusikalischer Ausklang: Die Nerven bleiben experimentierfreudig.


Interview: Lennard Sangmeister
Fotos: Sebastian Mast

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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