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Chefket:  „Nachts schreibe ich Songs, am Tag tanze ich dazu.“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[025] Chefket: „Nachts schreibe ich Songs, am Tag tanze ich dazu.“

Foto: Georg Roske

Ganze sechs Jahre liegen zwischen Chefkets Debüt und seinem zweiten Album. Nun ist die neue Platte „Nachtmensch“ erschienen. Der Rapper macht dem Albumtitel alle Ehre und besuchte den Ernst.FM-Redakteur Felix nachts um halb drei im Studio. Unter dem Einfluss koffeinhaltiger Erfrischungsgetränke spielte er für uns eine kleine Unplugged-Session und stellte sich beim mitternächtlichen Plausch Felix‘ Fragen.


Chefket, es ist 02:22 Uhr. Nicht gerade eine typische Zeit für ein Interview. Bei dir passt es, denn der Titel deines aktuellen Albums ist „Nachtmensch”. Was macht die Nacht für dich so besonders?

Die Nacht ist etwas Schönes: Der Mond, die Sterne, das alles hat eine gewisse Magie. Ich versuche nachts alles zu erledigen und kann so den Tag in Ruhe genießen. Ich habe auch die meisten Songs auf „Nachtmensch“ nachts geschrieben und tagsüber habe ich dann dazu getanzt.

War das auch schon zu Schulzeiten dein Rhythmus oder gab es einen anderen Grund für deine vielen Schulwechsel?

Ich bin immer erst zur großen Pause erschienen und montags oder freitags war ich einfach gar nicht anwesend. Aber nicht, wenn Klausuren anstanden, dann war ich immer da und das sogar Montag oder Freitag. Ab einem gewissen Punkt hat mich die Schule einfach nicht mehr interessiert, weil ich wusste, dass ich Musik machen will. Trotzdem verfolgt mich diese Geschichte, dass ich viel die Schule gewechselt und die Klassen wiederholt habe. Es ist wie ein Schleier, den du hinter dir herträgst. Und manchmal sehen die Leute dann nur noch diesen Schleier. Das kann dir vor allem in kleineren Städten passieren. Dort ist es egal, wie sehr du dich änderst, du bleibst wie bei einer Seifenoper immer in derselben Rolle, in der dich die anderen sehen.

Und wie kann man das ändern?

Sobald du deine „comfort zone“ verlässt, verändert sich deine Rolle. Der Schleier verschwindet. Durch Sitzenbleiben und Schulwechsel war ich immer wieder in einem neuen Umfeld. Auf diese Art habe ich nach und nach gemerkt, wer ich eigentlich bin. Obwohl sich das vielleicht nicht so gut in meinem Lebenslauf macht, habe ich so herausgefunden, was ich liebe und was ich machen will. Ganz im Klaren darüber war ich mir dann als ich von der Kleinstadt Heidenheim nach Berlin gezogen bin und mich dort zu einem „positiven“ Nachtmensch entwickelt habe. Davon handeln auch sehr viele Songs auf der Platte.

v.l.n.r.: Felix Sievers (Ernst.FM), Chefket & Kathrin Zenke (Ernst.FM)

v.l.n.r.: Felix Sievers (Ernst.FM), Chefket & Kathrin Zenke (Ernst.FM)

Wie genau kamst du zur Musik?

Die Nas-Platte meiner Schwester hat mich als Kind schon sehr fasziniert. Mit dreizehn habe ich angefangen, meine ersten eigenen Texte zu schreiben. Mit 17 oder 18 ging es weiter mit einer eigenen Schulband. Wir haben alle Nachwuchswettbewerbe gewonnen, weil es in der ganzen Stadt nur Metal-Bands gab. Damals dachten wir wirklich, wir sind Rockstars, weil wir ein paar Mal in der Zeitung standen. Dann wollten alle anderen irgendwie studieren und ich wollte weiter Musik machen. Um mir meinen ersten PC leisten zu können, mit dem ich Beats aufnehmen konnte, musste ich erst mal einen Sommer bei BMW Klos putzen. Danach habe ich meine erste CD gemacht: Ein einfacher Rohling mit Etikett drauf, den ich auf der Straße verkauft habe. Irgendwann wollte ich dann unbedingt herausfinden, ob ich wirklich gut bin, und bin deswegen erst einmal nach Berlin gegangen. Jetzt lebe ich dort seit zehn Jahren.

In einem Refrain von dir heißt es: „Ich bin Rap, ich bin Soul, ich bin Jazz, Rock’n’Roll.“ Hörst du wirklich alles?

Alles Gute auf jeden Fall. Die Musik von früher, Bill Withers oder Pablo Moses zum Beispiel, fasziniert mich natürlich ein bisschen mehr, aber ich bin auch immer wieder überrascht von neuen Sachen. Die Demut aus Bob Marleys Reggae gefallen mir auch sehr. Der Song „Burnin’ and Lootin’“ beginnt mit den Worten: „This morning I woke up in a curfew / Dear Lord, I was a prisoner, too.“ Diese Demut fließt auch in meine eigenen Songs ein, was man zum Beispiel beim Song „Immer mehr“ von der „Nachtmensch“-Platte hören kann.

Ist das auch der Grund, warum du nicht nur rappst, sondern auch singst?

Ich singe, weil ich es eben auch kann. Dass das etwas Besonderes ist, habe ich erst gemerkt, als es mir andere Leute gesagt haben. Für mich war das normal, denn ich habe immer gesungen. Mein Vater ist auch Sänger und alle aus meiner Familie singen. Ich versuche beide Seiten, Rap und Gesang, in meinen Songs zu verbinden. Auf „Einerseits Andererseits“ sage ich: „Einerseits bin ich der Rapper mit Flow, andererseits bin ich der Sänger mit Soul.“ Genau das begleitet mich seit Jahren und das habe ich jetzt auf der neuen Platte perfektioniert. Es ist nicht nur ein Song, es ist ein Lifestyle: Rap und Soul. Das ist mir sehr wichtig.

Durch die bunte Mischung ist es auch nicht einfach, deine Musik zuzuordnen. Am ehesten passt Conscious Rap zu dir. Was sagst du dazu?

Es ist einfach sehr gute Musik, würde ich sagen. (lacht) Wunderschöne Musik, mit meiner wunderschönen Stimme. Leute brauchen immer eine Beschreibung, aber eigentlich ist es einfach gute deutschsprachige Musik, die im Jetzt stattfindet.

In deinen Songs thematisierst du aktuelle gesellschaftliche Probleme. Im Song „Wir“ rappst du beispielsweise über Integration. Ist es dir wichtig, Themen aufzugreifen und den Zuhörern Denkanstöße zu geben?

Definitiv. Ich weiß zwar ganz genau, dass ich die Leute mit meinen Texten nicht erleuchte, weil sie die meisten Sachen schon wissen, aber ich erinnere sie einfach nochmal daran. Genauso ist jede Erkenntnis auch immer an mich selbst gerichtet, denn ich bin mit diesen Songs jahrelang auf der Bühne. Wenn ich etwas Positives verbreite, dann trägt es dazu bei, dass ich mich besser fühle. Ich tue das auch für mich selbst.

„Schau auf das was du hast, nicht auf das was dir fehlt“, rappst du in dem Song „Sauerstoff“. Ist es dir als selbsternannter „glücklichster Rapper“ wichtig, Positives aufzuzeigen?

Natürlich. Deswegen bin ich auch der glücklichste Rapper der Welt. Ich schaue nicht auf das, was mir fehlt, sondern auf das, was ich habe: Ich habe die Möglichkeit Musik zu machen, die Möglichkeit das zu tun, was ich liebe. Das ist ein sehr großes Privileg und ich weiß es zu schätzen, denn früher gab es bei mir auch schlechtere Zeiten. Wie ich ja auf „Einerseits Andererseits“ sage: „Die Sonne ist ohne Regen nichts wert.“

Du thematisierst auch das MC-Sein in deinen Songs. Was macht einen MC für dich aus?

Ein MC ist jemand, der mit einem Mikrofon in der Hand und einem Beat im Hintergrund mit dem Publikum feiern und es in seinen Bann ziehen kann. Er kann seine Persönlichkeit im Raum verbreiteten, ohne zu aufdringlich zu sein. Alle anderen gehen wegen ihm mit einem Lächeln nach Hause. Aus diesen Gründen macht es mir auch so großen Spaß, live aufzutreten und das werde ich dieses Jahr auch noch machen. Die „Nachtmensch“-Tour beginnt am 28. Oktober und geht bis in den November.

Du machst einerseits schon lange Musik, andererseits bist du noch nicht bei der ganz großen Masse angekommen. Ist das neue Album der Wendepunkt?

Das weiß ich nicht. Ich gebe jetzt mehr Interviews und mehr Leute bekommen etwas von mir mit. Das freut mich natürlich sehr, aber gestört hat mich das, als es noch anders war, auch nie. Es ist so ähnlich wie bei Independent-Filmen: Es gibt in dem Bereich sehr gute Filme, aus denen du rauskommst und alle sind still, weil es bei ihnen etwas bewegt hat. Aber um die wirklich zu finden, muss man sich ein bisschen damit auseinandersetzen. Genauso stoßen die Leute auf meine Musik und fragen sich, warum sie das nicht vorher kannten. Ich finde es irgendwie gut, wenn mich Leute richtig entdecken. Ich muss meine Musik niemandem auf die Nase binden. Ich bin froh über meine Fans, die meine Musik kennen, zu schätzen wissen und nicht einfach nur mitlaufen.

Chefket

Ist es dir überhaupt wichtig, bei der großen Masse anzukommen?

Natürlich, denn in der Position kann man noch mehr Positives erreichen. Aber man sollte dafür nicht zu viele Kompromisse eingehen. Das Wichtigste war für mich immer, dass sich keiner in meine Musik einmischt. Die jetzige Platte war schon fertig, bevor Universal sie sich angehört und beschlossen hat, sie rauszubringen.

In einem anderen Interview hast du gesagt, alle Songs des neuen Albums hätten etwas miteinander zu tun. Es sei fast wie ein langer Song. Was bedeutet das?

Das Album ist wie ein Buch mit verschiedenen Kapiteln. Das Tagebuch eines Rappers, der in Berlin lebt und beschreibt, was da so passiert. Es ist ein Buch mit zwölf Kapiteln.

Produzent Farhot war für die Beats des Albums verantwortlich. Warum hast du hauptsächlich nur mit einem Produzenten an dem Album gearbeitet?

Mit Farhot hatte ich bereits auf „Einerseits Andererseits“ und bei der „Identitäter“-EP zusammengearbeitet. Und obwohl er so gefragt ist, hat er sich auch für „Nachtmensch“ Zeit genommen. Dabei haben wir bemerkt, was für einen guten Arbeitsrhythmus wir beide haben. Er ist ein Produzent, der morgens um 10 Uhr ins Studio geht und erst wieder rausgeht, wenn alles fertig ist. Das kann dann auch mal bis in die Nacht gehen. Farhot pusht mich und hat einen sehr guten Musikgeschmack. Er war der einzige, der mich richtig verstanden hat. Ich bin echt froh, dass es geklappt hat. Mal schauen, ob ich das noch toppen kann – das wird auf jeden Fall schwierig.

Lohnt es sich trotzdem noch weiterzumachen, obwohl du befürchtest, „Nachtmensch“ nicht mehr toppen zu können?

Ich bin extrem gespannt auf das, was kommt. Ich habe schon viel verarbeitet von dem, was ich sagen wollte und bin in so einem Jetzt-Moment angekommen. Was kommt, bleibt spannend – auch für mich selber.


Ernst.FM präsentiert das Konzert von Chefket am 11. November im Kulturzentrum Faust. Weitere Infos und Ticketverlosungen folgen in Kürze auf unserer Facebook-Seite und im Blog.


Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Playlist zur Sendung

Die Playlist enthält nur die gespielten Songs, die auch bei Spotify verfügbar sind.

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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