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Chefket: „Musik ist der kürzeste Weg der Verständigung“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[031] Chefket: „Musik ist der kürzeste Weg der Verständigung“

Foto: Georg Roske

2015 war ein gutes Jahr für den Berliner Rapper Chefket. Nach dem Top-10-Album „Nachtmensch“ spielte er seine erste, fast vollständig ausverkaufte Headliner-Tour. Auch ein gebrochener Fuß konnte den versierten Live-MC nicht davon abhalten, beim Tourfinale in Hannover ein Feuerwerk zu bieten und sich den Fragen von Ernst.FM zu stellen.


Du spielst dein Finale zur Nachtmensch-Tour hier in Hannover. Wurde diese feierliche Location eher zufällig von deinen Bookern ausgewählt oder können wir uns als Hannoveraner und Zugezogene etwas darauf einbilden?

Tatsächlich ist es Zufall. Ich könnte jetzt auch lügen, aber da bin ich nicht so gut drin.

Warum nicht Berlin anstelle von Hannover als Tourfinale? War der Grund dafür einfach nur die Route?

Ich glaube, das hatte Routengründe, denn es wäre auf jeden Fall besser gewesen, in der eigenen Stadt, also Berlin, das Tourfinale zu spielen. Am Ende der Tour ist man meistens besser. Man settlet mehr, hat mehr Routine und noch mehr Sachen eingebaut. Zum Beispiel haben wir jetzt mehr Songs und uns viel mehr überlegt als am Anfang der Tour. Das heißt, Hannover hat Glück.

Du hast dir vor wenigen Tagen den Fuß verletzt. Wie kompensierst du das in deiner Bühnen-Performance – Flügel spannen und stagediven?

Wir haben alle Songs umgeschrieben: „Guter Tag“ heißt jetzt „Schlechter Tag“, „Fliegen“ heißt jetzt „Liegen“ und so weiter. Ist auf jeden Fall lustig. Ich ziehe das jetzt noch durch, weil ich kein Konzert absagen wollte. Es ist meine erste Tour, die ich so richtig spiele. Wir hatten so viele ausverkaufte Shows und es hat einfach Spaß gemacht. Die Crew ist super und alle helfen mir. Ich kann immer sagen: „Bring mir mal ’ne Cola und ’nen Kaffee.“ Das läuft dann schon.

Deine Fähigkeiten als Live-MC spielen für dich eine ziemlich wichtige Rolle, wie man in deinen Texten immer wieder hört. Wie waren während der Tour bisher die Reaktionen auf deine Live-Performance?

Viele Leute, die selber Musik machen – auch viele MCs – meinten, dass live natürlich eine andere Energie rüberkommt. Das liegt nicht nur an meinen Live-Qualitäten, sondern auch an unserer Mischerin Mia Becker. Die Leute sind besonders erstaunt, dass ich das Ganze ohne Backup-MC mache, der die Endreime mitrappt. Ich versuche – also vor meiner Fußverletzung habe ich es versucht – sportlich aktiv zu sein, sodass ich immer fit bin und viel Kondition auf der Bühne habe. Ich finde es sehr wichtig, dass man seine Texte auch alleine, ohne fremde Hilfe, vor einem Publikum rappen kann. Vania, Jeneva und Flinte, ergänzen mit den Background-Gesängen die Klangfarbe. Wir sind ein sehr kleines Setup mit einem super Pianisten: Johannes Arzberger.

Wenn dein Bein wieder fit ist, willst du dann so schnell wie möglich wieder auf die Bühne oder reicht es jetzt erstmal nach der Tour?

Dadurch, dass die Shows so gut liefen, wird noch eine Tour im April stattfinden, die „Rap & Soul“-Tour. Bis dahin ist das Bein auch wieder fit und darauf freue ich mich auf jeden Fall.

Im letzten Ernst.FM-Interview hast du bezweifelt, dass dein Album „Nachtmensch“ von dir noch zu toppen ist. Haben dir die Erfahrungen der Tour und in den letzten Monaten allgemein Inspiration für neue Geschichten gegeben oder bist du immer noch verzweifelt auf der Suche?

Tatsächlich ist es so, dass dieses extrovertierte Tourgefühl gar nicht dazu führt, dass ich kreativer werde. Das kommt dann eher, wenn ich alleine und introvertiert bin und das schreibe, was mich gerade interessiert. Mal gucken, was jetzt danach kommt. Aber es ist ganz gut, dass ich mir den Fuß gebrochen habe, denn normalerweise fällt man nach einer Tour schnell in ein Loch und kompensiert das dann mit zu viel Party. Vielleicht wäre mir ansonsten etwas Schlimmeres passiert. So muss ich mich jetzt endlich ausruhen. Ich sitze zu Hause und wer weiß, was für Texte dadurch entstehen. Zweckoptimismus.

In deinem kreativen Schaffen betonst du sehr häufig das Jetzt. Wie drückt sich das in deiner Musik aus und steht es der Möglichkeit im Weg, zeitlose Musik zu machen?

Ich glaube, das eine hat mit dem anderen nicht direkt etwas zu tun. Das Jetzt finde ich natürlich für mich im Alltag wichtig. Wenn ich zum Beispiel Teller abwasche, dann denke ich daran, dass ich Teller abwasche und nicht daran, dass ich danach einen Tee trinke. Sonst bin ich immer in so einer Hektik. Das versuche ich zu vermeiden und dann ist sogar das Tellerabwaschen meditativ. Andererseits ist es natürlich bei Songs so, dass ich keine Tagespolitik bespreche und irgendetwas thematisiere, das heute passiert ist, weil ich genau weiß, dass das Album vielleicht erst in einem Jahr rauskommt oder nach fünf Monaten und dann ist es nicht mehr aktuell. Also geht es eher um zeitlose Themen wie Angst, Wut oder Liebe.

Der „Focus“ hat über dich geschrieben: „Mehr Rap als Clueso, mehr Gefühl als Bushido.“ Das ist sogar auf „gala.de“ erschienen. Was hältst du von dieser These?

Clueso rappt ja kaum und Bushido klingt manchmal sehr gelangweilt. Ja, dem könnte ich schon zustimmen.

Das Albumcover zu „Nachtmensch“ zeigt dich an einer Bar. Bist du eher der aufgeschlossene Discogänger oder der schweigsame Thekenhocker?

Ich bin kaum in der Disco oder so. Wenn ich weggehe, dann meistens zu Konzerten oder Jam-Sessions. Dort gibt es auch eine Bar und dann sitze ich lieber da. Das Coverfoto ist in Neukölln entstanden in der Thelonious-Bar. Da ist es sehr angenehm mit angenehmem Jazz und angenehmen Leute. Das ist eher so mein Ding. Ich brauche keine Großraumdisco.

Du bist in Berlin-Friedrichshain zu Hause. Hast du einen Tipp, wo man dort abends hingehen kann?

Ich kann empfehlen, dienstags ins Badehaus zu gehen. Das ist gegenüber vom Cassiopeia auf dem RAW-Gelände. Da findet die Swag-Jam statt. Mit sehr guten Livemusikern und es kommen bei Open Mics lustige Personen auf die Bühne. Das ist quasi eine Sneak Preview, denn man weiß nicht, was geschieht.

Während der Entstehung von „Nachtmensch“ bist du viel herumgekommen. Was bedeutet das Reisen für dich?

Reisen ist, wie für jeden wahrscheinlich, auch eine Art Tapetenwechsel. Wie für den Bergsteiger, der vom Berg kurz heruntersteigt, um den Berg anzusehen, und dann wieder hochsteigt.

Es ist ja leider so, dass nicht jeder seine Heimat aus reiner Reiselust oder beruflichen Gründen verlässt. Du hast kürzlich im Interview mit „All Good“ recht ausführlich über die Flüchtlingsthematik in Deutschland gesprochen. Findest du, dass sich einflussreiche Musiker mehr engagieren sollten?

Es wäre cool, wenn man die Organisation besser steuern könnte. Jeder Musiker hat, wenn er jetzt nicht gerade ein Album macht, sehr viel zu tun. Wenn man gut organisiert ist, kann man da viel machen. Vor allem habe ich aber Respekt vor denjenigen, die wirklich aktiv beim Essenausgeben oder anderen Sachen helfen. Ein Freund von mir meinte letztens, dass man das Problem ganz leicht lösen könnte, wenn jeder 80. Deutsche nur einem Flüchtling helfen würde. Bezüglich der Sprache oder einfach gemeinsam auf den Fußballplatz gehen mit den Freunden. Wir müssen alle zusammen gucken, was da jetzt passiert, denn wir können das nicht verdrängen. Verdrängt wurde die ganze Zeit, dass in anderen Ländern Kriege herrschen, an denen auch deutsche Waffen beteiligt sind. Inzwischen ist es vor unserer Haustür angekommen. Das jetzt noch zu verdrängen, ist nicht mehr möglich. Dann lieber positiv denken und sehen, dass es Riesenmöglichkeiten gibt, mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten und die Gesellschaft kulturell zu bereichern.

Die Hochschule Hannover hat die Gasthörergebühren erlassen, damit Flüchtlinge an Lehrveranstaltungen teilnehmen können. Welchen Wert würdest du dem Zugang zu Bildung für die Integration von Flüchtlingen hier in Deutschland beimessen?

Das kommt natürlich auf den jetzigen Bildungsstand der Flüchtlinge an, die aus unterschiedlichen Schichten stammen. Wenn eine Sprachbarriere vorhanden ist, sollte man kostenlose Sprachkurse mit qualifizierten Fachkräften anbieten. Ich habe zum Beispiel in Nordamerika am Middlebury College ein Seminar gegeben. Das war eine Schule, in der sehr reiche Kinder, ältere Menschen aus den Harvard-Universitäten oder Opernsänger waren. Die haben in sieben Wochen sehr schnell Deutsch gelernt und dafür 10.000 Dollar bezahlt. Das System dort war für mich sehr erstaunlich. Die Leute konnten am Anfang gar kein Deutsch und als ich in der dritten Woche da war, konnten sie schon mit mir reden. Es ist also schon möglich, dass man die geflüchteten Menschen nicht einfach abspeist mit irgendwelchen schlechten Kursen, sondern wirklich Geld investiert. Wenn nicht in Deutschland, wo dann? Wir sind reich genug.

Kannst du dir vorstellen, dass Musik auch einen Beitrag leisten kann zur Integration und besseren Verständigung allgemein? Vielleicht hast du sogar konkrete Vorschläge, wie man Musik dafür nutzen könnte.

Madonna würde sagen: „Music makes the people come together.“ Du rennst eigentlich offene Türen ein. Die Fähigkeiten eines Musikers zu sehen, führt gleich dazu, dass man denkt: „Ah krass, der hat’s drauf.“ Und schon wird er nicht mehr als Flüchtling gesehen, sondern als Mensch. Da könnte man viele Projekte machen. Das Goethe-Institut hat schon mit uns und verschiedenen Ländern Projekte gestartet, in denen Texte übersetzt wurden und man sieht: Die verarbeiteten Problematiken sind ähnlich. Musik ist der kürzeste Weg, um sich zu verständigen.


Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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