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Bilderbuch: „Unsere Musik ist das Gegenteil von feige.“

Backstage

Ehrlich, hautnah und noch ein bisschen verschwitzt – so mögen wir unsere Interviewpartner am liebsten. Backstage ist die Sendung für diejenigen, die nie genug von exklusiven Infos aus erster Hand und wilden Geschichten rund um Tourleben, Musikproduktion und Künstlerdasein bekommen können. Wir bitten Künstler aller Couleur zum Gespräch in die Backstage-Räume der Hannoverschen Clubs.

[013] Bilderbuch: „Unsere Musik ist das Gegenteil von feige.“

Foto: © Daliah Spiegel

Die spirituellen Speerspitzen sind Bilderbuch nicht. Zumindest nicht Bassist Peter und Schlagzeuger Philipp, mit denen sich unsere Redakteurin Laura vor dem Konzert in der 60er-Jahre-Halle zum Interview traf. Nachdem off the Record erstmal geklärt wurde, wie man „OM“ eigentlich ausspricht und ob wir vielleicht unser Radio nach Sänger Maurice Ernst benannt haben, sprachen Bilderbuch mit uns über „Schick Schock“, den braven deutschen Zeitgeist und darüber, was Kanye West mit David Bowie zu tun hat. Außerdem erfahrt ihr, wer das Chi der Band doch in der Waage hält.


Also, wer ist denn jetzt der Spirituelle von euch?

Peter: Maurice, wirklich.

Philipp: Maurice Ernst.

Peter: Maurice Ernst, so wie der Radiosender. Der ist definitiv der spirituelle Typ von uns. Der läuft dann auch im Studio rum und sagt: „Dieser Stuhl muss in die andere Ecke, weil das für das Chi besser ist.“

Philipp: Das volle Programm. Mit Chi und Karma und Kokos.

Es gibt euch jetzt seit zehn Jahren, aber trotzdem gibt es super viele, die euch als Newcomer und „Schick Schock“ als euer Debüt wahrnehmen. Macht es euch irgendwie traurig, dass zwei Drittel eurer Arbeit ein bisschen stiefmütterlich behandelt und unter den Tisch gekehrt werden?

Peter: Traurig nicht, das ist glaube ich bis zu einem gewissen Grad ganz normal – dass bei einem Künstler, der nach mehreren Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommt, das aktuelle Album das Debüt zu sein scheint, auch wenn es nicht so ist. In unserem Fall ist es auf jeden Fall so, dass wir es nicht unter den Tisch kehren wollen und wir sind uns unserer Geschichte bewusst. Wir spielen auch alte Songs. Wir wollen unsere Geschichte weiterführen. Sie soll wichtig sein.

Foto: © Niko Ostermann

Foto: © Niko Ostermann

Ist das nicht irgendwie auch ein Witz oder der Wahnsinn im Musikbusiness, dass eine Band, die schon superlang dabei ist, plötzlich Newcomerpreise bekommt, obwohl sie gar kein Newcomer mehr ist?

Peter: Das kann eben so oder so passieren. Theoretisch hätte es uns auch passieren können, dass wir mit fünfzehn die Rocksuperstars werden. Das haben wir so eben nicht geschafft. Ich glaube, Biffy Clyro haben ja auch schon vier Alben draußen gehabt, bevor sie groß wurden. Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht, nagelt mich nicht an Biffy Clyro fest. Es gibt auf jeden Fall Bands, die vorher schon Alben hatten und dann wurde dieses eine wirklich groß.

Philipp: Man merkt dadurch auch ein sehr starkes Fundament in der Band, da ist so viel Erfahrung live und im Studio und auf Tour. Das ist alles da durch die letzten Jahre, die mit der Musik gelebt wurden. Wäre das jetzt unsere allererste Tour, die wir überhaupt hätten, wären wir jeden Abend so nervös und würden durchdrehen! Da wir aber schon Erfahrungen gesammelt haben, geht sich das ganz gut aus.

Was ist denn so passiert zwischen Songs wie „Karibische Träume“ und „Maschin“?

Peter: Geschichte. Selbstbewusstsein hat sich entwickelt. Wir haben angefangen, anders Songs zu schreiben. Wir haben angefangen, andere Songs zu hören. Automatisch mit dem Erfolg kommt dann eben Selbstbewusstsein und dann hören sich die Songs eben auch anders an. Auch die Art und Weise, wie getextet wird, ist definitiv anders inzwischen.

Philipp: Auch wenn die Musik jetzt vielleicht einfacher zu hören ist als beim zweiten Album, ist sie trotzdem ziemlich extrem. Sie ist das Gegenteil von feige, sie hat Ecken und Kanten und die verstecken wir auch nicht, sondern wir betonen sie extra. Das ist, glaube ich, ein wesentlicher Teil auf dem neuen Album.

Und ist es auch am Ende das Selbstbewusstsein gewesen, das euch Sachen kombinieren lässt, denen man gerade in der Indierockszene vielleicht kritisch gegenübersteht – wie zum Beispiel Autotune? Ist es euch egaler, wenn jetzt jemand sagt, ihr würdet euch verzerren und keine echte Handwerksmusik mehr machen?

Peter: Erstens das. Und zweitens ist es uns wichtig, Musik zu machen, die uns gefällt. Ob da jetzt Autotune dabei ist oder nicht, es gefällt uns halt einfach im richtigen Kontext. So einfach ist es im Prinzip eigentlich.

Philipp: Dazu muss man aber auch sagen: Wir machen immer noch Handwerksmusik. Wenn man uns live sieht, wird man schon mitbekommen, dass wir noch eine echte Handwerksband sind. Wir stehen da mit vier Instrumenten, natürlich haben wir ein bisschen mehr Elektronik, Autotune-Effekte, aber im Endeffekt machen wir Handwerk und das ist auch geil so.

Philipp: „Mir ist wichtig, dass es knallt und tight ist!“

Foto: © Christoph Pöll

Foto: © Christoph Pöll

Ihr habt auch ein eigenes Label gegründet: Maschin Records. Wenn man jetzt mal plakativ vom musikalischen Sinneswandel in der Band sprechen will: Hat euer altes Label das nicht mehr mitgemacht oder habt ihr auch ein bisschen langfristiger gedacht?

Peter: Nee, also längerfristig war das nicht gedacht. Wir wollten einfach ganz schnell diese EP rausbringen. Es sollte so ein Instant-Ding sein. Die EP ist fertig und dann bringen wir sie einfach sofort raus. Und das haben wir mit unserem eigenen Label gemacht. Warum sollten wir auf Strukturen zurückgreifen, die uns nichts bringen? Insofern haben wir es dann eben einfach rausgeschnalzt. Das war genau das, was wir erreichen wollten mit dieser Veröffentlichungsstrategie.

Philipp: Die Unabhängigkeit mit einem eigenen Label ist schon unbezahlbar. Wenn es sich ausgeht ohne Majorlabel, dann hat man alle Fäden selbst in der Hand und kann das alles lenken, wie man will und im Prinzip machen, was man will den ganzen Tag.

Weil du sagtest, es müsse schnell gehen: Seid ihr Menschen, die dazu neigen, sich kaputtzukorrigieren?

Peter: Ja. Das Ding ist, wir haben bandintern…

Philipp: … eben vier Persönlichkeiten! Der eine ist viel stärker in die Richtung, der andere ist viel stärker in die andere Richtung ausgeprägt und perfektionistisch. Mir ist zum Beispiel wichtig, dass es knallt und tight ist. Der andere mag lieber den flächigen Sound hinten – das ergänzt sich ganz gut am Ende. Vier Köche kochen den Brei.

Peter: Gerade beim Albummachen ist es dann sehr wichtig, dass es einen Produzenten gibt, der am Ende sagt: „Okay, hört euch das an, es ist gut, es ist wirklich richtig gut! So machen wir das, aus, Basta!“ Und wenn jetzt wirklich mal einer sagt: „Nee, so noch nicht“, dann haben wir auch das Recht dazu. Aber da ist eine fünfte Meinung wirklich gut und wir haben auch ein Management, das uns echt total unter die Arme greift. Das ist wichtig, um sich nicht immer so – wie hast du gesagt? – kaputtzukorrigieren.

Bilderbuch

Ich habe in meiner Besprechung eures Albums bemängelt, dass viele deutsche Künstler oder deutschsprachige Künstler eben eine andere Auffassung vom Zeitgeist haben. Das manifestiert sich darin, dass es viele Magazine gibt, die Helene Fischer als deutsche Beyoncé bezeichnen.

Peter: Au ha!

Seid ihr euch dieser Rolle bewusst, dass man euch durchaus zutraut, die deutschsprachige Band der Stunde zu sein und eben auch vielleicht eine Jugend zu prägen, weil ihr einfach ein Gefühl ausdrückt? Wollt ihr das, seht ihr euch so?

Philipp: Naja, eigentlich sind wir ja auch eine Crew. Wir sind zwar eine Band, aber irgendwie treffen wir den Gang-Aspekt auch: Wir sind zu viert da, wir kommen und gehen. Dadurch breitet sich etwas aus; dadurch trauen wir uns sehr viel und provozieren vielleicht auch stark und treffen damit wohl irgendwie einen Zeitgeist, den die braven deutschen Bands nicht treffen. Wir – speziell Maurice – nehmen auch nicht immer ein Blatt vor den Mund.

Peter: Es geht in dieser Diskussion extrem oft ums Zitieren, dass man wieder zulässt, dass man Popmusik macht, ohne dass sie glatt sein muss. Das ist das wichtige Ding: Dass man Pop auch interessant machen kann. Das haben uns die Amerikaner extrem gut gezeigt in den letzten Jahren. Das haben wir deutschsprachige Menschen glaube ich einfach gar nicht verstanden. Hier muss Pop immer Helene-Fischer-like sein. Von dem mussten wir uns distanzieren. Pop kann gut sein, Pop kann interessant sein. Das ist das, was wir machen wollen. Um das geht es uns.

Kanye West trifft bei euch ja einen gemeinsamen Nenner. Was geht euch bei so einem Künstler durch den Kopf, dessen Musik ihr ja total feiert, der sich dann aber auf Grammy-Verleihungen hinstellt und einem Multi-Instrumentalisten wie Beck erzählt, dass er keine Kunst mache und seinen Preis an Beyoncé abgeben soll? Ich habe mich damals wahnsinnig drüber aufgeregt, weil ich dachte: „Was nimmt dieser Kerl sich eigentlich raus?“

Philipp: Genau um das geht es ja!

Peter: Naja, er hat ja das wiederholt, was er zwei Jahre vorher…

Philipp: Es war glaube ich einfach ein Gag in dem Moment. Es geht eben immer um Persönlichkeiten. Da geht es nicht nur um seinen Sound, nicht nur um seine Texte, das ist ein Gesamt-Ding: Eine interessante Persönlichkeit, auch extrem provokativ! Auch auf Mode bezogen, auf ein Album, auf den Release… Das ist alles echt stark und hat Kraft!

Peter: Er ist eben auch eine gefährliche Persönlichkeit. Du kannst nie sagen: „Ich werde Kanye West mein Leben lang für alles, was er tut verteidigen.“ Es kann sein, dass er ganz, ganz schreckliche Sachen in der nächsten Zeit macht. Man weiß es einfach nicht, das ist unberechenbar und das macht es interessant. Er ist auch wandelbar, wie eben andere Künstler – David Bowie zum Beispiel.

Philipp: Außerdem verbindet uns, dass Maurice und ich uns zum ersten Mal vor drei Jahren beim Kanye-Konzert in Zürich gesehen haben. Mike und Maurice waren dort, die waren ja schon in der Band. Ich habe mich hinterher mit Mike getroffen, den kannte ich vorher, und wir haben alle lange über das Konzert gesprochen. Ein halbes Jahr später bin ich in die Band eingestiegen.

Peter: „Es ist wichtig, was der Text macht!“

Habt ihr auch bei den Texten – ich nehme an, die werden von Maurice in den Schreibprozess reingebracht – …

Philipp: Oder sie entstehen am letzten Tag im Studio!

(lacht) Wenn man jetzt einen Song wie Softdrink nimmt, habt ihr da auch manchmal gedacht: „Alter, Maurice, das kannst du jetzt nicht bringen, einfach Softdrinks aufzuzählen.“?

Peter: Wir haben kurz darüber gesprochen, ob das ok ist. Das ist sogar tatsächlich einfach intuitiv entstanden.

Philipp: Den haben wir sogar zu viert geschrieben.

Peter: Der Beat war da und dann hat irgendjemand das drüber gesungen. Erst die Melodie und dann haben wir irgendwann die Softdrinks drüber gesungen.

Philipp: Das ging relativ schnell, innerhalb von fünf Minuten. Das war ein lustiger Moment: Wir haben zu viert dagesessen und, wie du schon sagtest, irgendwann war es dann fertig und wir haben gesagt: „Das passt, das greifen wir nicht mehr an.“ Und das, was wir in dem Moment aufgenommen haben, genau das Signal aus dem Raum, eine Laptop-Aufnahme, die ist immer noch in der Platte. Natürlich ein bisschen drüberproduziert. So arbeiten wir: Wir nehmen die Originale mit.

Peter: Wir haben schon drüber geredet, wie man das machen kann, dass es geil ist. Das funktioniert ja nicht einfach so in einem Song, dass man irgendwelche Markennamen aufzählen kann. Es ist total wichtig, was der Text vorher macht. Insofern kommt das dann aus dem Kontext, aus der Kombination.

Foto: © Niko Ostermann

Foto: © Niko Ostermann

Maurice hat in einem Interview mit der Süddeutschen vor zwei Jahren bemängelt, dass österreichische Bands den Sprung nach Deutschland nicht schaffen, obwohl der Sprachraum gleich ist, das Internet offen ist – eigentlich sind die Möglichkeiten da. Da hat sich ja auch etwas geändert: Wenn ich jetzt in die Magazine gucke, lese ich was von Wanda, vom Nino aus Wien… Sind Österreichische Bands jetzt schlauer geworden?

Peter: Nein, gar nicht, da hat sich auch in dem Moment nichts verändert. Das ist eher wie ein Kochtopf, wo du jahrelang einen Deckel drauftust und darunter brodelt’s – irgendwann geht es über und dann schwappt es auch in alle Richtungen. Das ist einfach ganz normal. Es hat diesen Moment des Ausbrechens gegeben, vor einem Jahr, vor zwei Jahren, keine Ahnung, seitdem brodelt es raus. Da hat jahrelang einfach keiner reingeguckt, jetzt kommt es zum Vorschein.

Philipp: Es gibt in Wien auch einfach extrem viele Musiker, sehr viele Bands. Deutschsprachig oder englischsprachig, gute Bands oder nicht so gute Bands – das ist egal. Es ist einfach sehr viel los und es ist cool, dass wieder ein bisschen Fokus auf die Stadt fällt, weil es sich sicher auch einige extrem verdient haben, dass es weitergeht und jetzt passiert das eben auch. Das ist super.


Cover: Dad Rocks! von nuncafe (CC BY-NC 2.0)

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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