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„Resident-DJs sind absolut essenziell!“ – Ralf Zitzmann im Interview

FNJ Interviews

Friday Night Jamboree spricht mit Bookern, Promotern, DJs, Produzenten und Labelbetreibern über aktuelle Themen aus der Szenelandschaft. Dabei entstehen bunte und interessante Gesprächsrunden, welche in Textform veröffentlicht werden.

„Resident-DJs sind absolut essenziell!“ – Ralf Zitzmann im Interview

Friday Night Jamboree hat sich zum Interview mit Ralf Zitzmann getroffen, welcher einer der Gründer und Verantwortlichen des Labels Agogo Records aus Hannover ist. Wir haben uns mit ihm unter anderem über Labelphilosophie, neue Märkte der Musikveröffentlichung und seine Partyreihe Calamari Moon in der Cumberlandschen Galerie in Hannover unterhalten. Viel Vergnügen!


Wenn man ein Label betreibt, nimmt Langfristigkeit einen großen Stellenwert ein. Welche Schritte muss man unternehmen, um dauerhaft erfolgreich zu sein?

Ich glaube, dass Durchhaltevermögen das wichtigste Kriterium ist. Als wir begonnen haben, wollten wir Juju Orchestra und das erste Mo’Horizons Album auf unserem Label veröffentlichen. Nachdem wir insgesamt circa 18 000 CDs verkauft hatten, wurden wir jedoch nicht ausbezahlt, weil unser Vertriebspartner in Insolvenz gegangen war. An diesem Punkt schien unser Ende bereits besiegelt zu sein, denn wir waren aufgrund der vorab getätigten Produktionsausgaben pleite und mussten zusätzlich noch 22 000 Euro GEMA nachzahlen. Daraufhin haben wir uns zusammengesetzt und den Entschluss getroffen, ungeachtet der finanziellen Probleme nicht aufzugeben. Durch Vorfinanzierung konnten wir die weiteren Veröffentlichungen stemmen und haben es geschafft. Ich habe zwar über einen langen Zeitraum quasi ohne Lohn gearbeitet, doch seit drei Jahren steht das Label auf eigenen Füßen und ist weiterhin auf einem positiven Weg. Zudem ist das letzte Jahr bis dato unser erfolgreichstes gewesen.

Ihr habt ein Angebot des bekannten äthiopischen Künstlers Mulatu Astatke erhalten, von welchem ihr sehr überzeugt seid. Wie kommt es, dass ihr ihn trotzdem nicht unter Vertrag genommen habt?

Ich bin ein großer Anhänger von ihm und er ist ein ganz toller Musiker. Er wollte es gerne mit einer neuen Band auf unserem Label veröffentlichen und als ich den Namen Mulatu Astatke gehört habe, war ich logischerweise total begeistert. Nachdem wir das Album gehört haben, sind wir allerdings nach langem Hin-und-her-Überlegen zu dem Entschluss gekommen, dass wir es aufgrund der mangelnden Produktionsqualität nicht veröffentlichen wollen. Heute bereue ich diesen Fall ein kleines bisschen, denn kürzlich ist es zum Album Of The Year in Australien nominiert worden. Das muss zwar nicht viel bedeuten, aber etwas geärgert hat es mich schon. Höchstwahrscheinlich hat jedes Label schon einmal jemanden nicht unter Vertrag genommen, der dann erfolgreich wurde.

Wenn du mit Hilfe deines über die Jahre angesammelten Wissens noch einmal von vorne anfangen könntest, was würdest du in der Labelführung anders gestalten?

Als damals unser Partner insolvent gegangen ist, welcher uns weltweit vertrieben hat, war das ein schwerer Schlag und ist in der Retrospektive als großer Fehler einzuordnen. Man kann den Vertrieb schließlich auch auf mehrere Beine verteilen, was wir dann im Anschluss getan haben. Kurioserweise haben wir jetzt allerdings wieder einen Vertrag mit einem weltweiten Vertriebspartner abgeschlossen, jedoch ist die Situation eine andere und der Schritt gut abgewogen worden. Das !K7 aus Berlin ist ein Schwergewicht in der Musikbranche und falls sie ebenfalls pleitegehen sollten, dann wird es die Musikindustrie als Ganzes wahrscheinlich ebenfalls nicht mehr geben.

Die Vinyl-Verkäufe sind schon vor Jahren deutlich zurückgegangen, die CD-Verkäufe werden ebenfalls geringer und die digitalen Downloads werden vom Streaming abgelöst. Wie schafft man es, auf den neuen Märkten trotzdem erfolgreich zu bleiben?

Wir nehmen das als Label wahr und haben das Glück, dass !K7 in diesen Fragen sehr avantgardistisch denkt und technisch oftmals weit vorne agiert. Sie haben eine gute Antenne für bestimmte Entwicklungen und informieren uns dann darüber. Zur Anfangszeit des Vertrages hatten wir unseren Katalog noch nicht für die Streamingdienste freigegeben, doch schon damals hat uns der Betreiber von !K7 klar gemacht, dass wir uns das gut überlegen sollten. Man muss den Leuten generell einen einfachen Zugang zur Musik bieten und es nicht unnötig verkomplizieren. Wir haben uns dann für Streaming entschieden und der vorhergesehene Anstieg in diesem Bereich ist eingetreten. Pro Stream mag der Payback gering ausfallen, jedoch haben wir einen Katalog von circa 900 Stücken, sodass es sich dann in der Summe definitiv bemerkbar macht. Insgesamt wird dort ein Betrag eingespielt, der für uns sehr wichtig ist und ohne den wir nicht existieren könnten.

Du hast gesagt, dass man es den Leuten möglichst einfach machen sollte, um an die Musik zu gelangen. Nun gibt es häufig die sogenannten Discogs-Haie, welche limitierte oder begehrte Vinyl-Veröffentlichungen für extreme Summen auf der Internetplattform weiterverkaufen. Wie steht ihr als Label dazu?

Wir nehmen an dieser Entwicklung insofern teil, als dass wir manchmal limitierte Editionen anbieten. Das sind dann aber wirkliche Specials und als ein besonderes Angebot für unsere Anhänger gedacht. Man selbst ist schließlich auch ein Vinyl-Nerd und freut sich total, wenn man eine bunte 12-Inch in einer limitierten Auflage mit Plakat vom Künstler in den Händen hält. Wenn man es dann auf eine bestimmte Stückzahl begrenzt und nicht unendlich als digitales File anbietet, macht es das noch einmal wertvoller und ist als Bonus für die Leute zu verstehen, welche beispielsweise in unserem Newsletter sind oder den Künstler wertschätzen. Wenn man eine Auflage von 500 Einheiten presst, dann geht es dem Label selbst nicht um das Geschäft, denn aufgrund der Produktionskosten wie beim Mastern, beim Master-Cut oder bei der Pressung hat man vorab schnell 1 000 Euro auf der Uhr. Dazu kommen noch Versandkosten und GEMA-Gebühren. Geld kommt erst dann rein, wenn ein Künstler circa 1 000 Schallplatten verkaufen kann. Von daher ist es natürlich zu verurteilen, dass sich bestimmte Privatpersonen einen Vorteil auf Kosten der Musikliebhaber verschaffen wollen.

Ihr habt am 27. Januar ein Remix-Paket basierend auf dem Album Lunar Love von Mop Mop veröffentlicht, welches im letzten Jahr auf eurem Label erschienen ist. Darauf sind unter anderem Künstler wie Nicola Cruz und Kalbata vertreten, welche ebenfalls in der House-Szene bekannt sind. Wie kommen Kooperationen mit solchen Künstlern zustande?

Andrea ist der Strippenzieher hinter Mop Mop und hat eine große Vorliebe für elektronische Musik. Da er in der Szene gut vernetzt ist, hat er sich selbst darum gekümmert. Dabei ist kein Geld geflossen, sondern man schätzt die Arbeit des anderen und Andrea wird sicherlich ebenfalls etwas für die Jungs als Gegenleistung produzieren. Oft geschehen solche Kollaborationen über ein paar Ecken oder per Zufall. Im Februar kommt uns zum Beispiel Telephones in der Galerie besuchen und ich möchte ihn für einen Remix anfragen. Aber es passiert natürlich auch, dass Anfragen abgelehnt werden oder an zu hohen Gagen scheitern.

Wie sieht ein guter Remix für dich aus?

Ich habe das Gefühl, dass in der letzten Zeit die Qualität der Remixe nachgelassen hat. Früher habe ich mich häufiger auf Remixe gefreut, heute ist das nur noch eingeschränkt der Fall. Ein guter Remix muss auf jeden Fall für sich selbst stehen können, auch wenn man das Original nicht kennt. Das ist beispielsweise ein toller Tanz-Song für den Club, etwas Neues oder etwas Eigenständiges. Häufig denke ich mir aber, dass vieles einfach zu belanglos ist. Wir haben uns bereits Gedanken dazu gemacht und wollen in der Zukunft lieber einen Remixer unter Vertrag nehmen, welcher unserem Qualitätsanspruch entspricht und von dem wir etwas Besonderes erwarten können. Das ergibt in unseren Augen mehr Sinn, als die Gage auf mehrere Leute zu verteilen, welche dann aber nur eingeschränkt überzeugen können. Henrik Schwarz wäre zum Beispiel ein solcher Kandidat, er macht nur eine Handvoll Remixe im Jahr, doch die sind immer hervorragend.

Neben der Unterhaltung eures Labels veranstaltet ihr seit vielen Jahren die Partyreihe Calamari Moon in der Cumberlandschen Galerie in Hannover. Was sind die Bausteine für eine gelungene Party?

Ich bin beispielsweise immer mindestens eine Stunde vor Beginn vor Ort und kümmere mich um die Möbel, angezündete Kerzen und um ein angenehmes Ambiente. Freundlichkeit hat dabei einen hohen Stellenwert, vor allem beim Personal. Ich glaube, dass man sich als Gast erst dann richtig wohlfühlen kann, wenn man seine Mitarbeiter gut behandelt. Natürlich kann ein Club auch zwei Jahre gut laufen, ohne dass man auf solche Dinge achtet, aber sobald man die akribische Arbeit etwas ablegt, funktioniert es oft nicht mehr.

Spielt dabei die ständige Wiederholung eine Rolle?

Auf jeden Fall. Die ersten fünf Jahre haben wir ohne Gast-DJs existiert, die Leute sind neben der tollen Location und dem Drumherum gekommen, um mit uns eine gute Zeit zu verbringen und um uns auflegen zu sehen. Die Schlange vor der Tür war teilweise atemberaubend lang und wir haben es geschafft, unser eigenes Publikum aufzubauen. Um allerdings der ständigen Wiederholung zu entgehen, haben wir angefangen Gast-DJs zu buchen, die einen anderen Ablauf bei unseren Veranstaltungen möglich machen. Dazu kommt jetzt eine Umgestaltung der Galerie hin zu einem offeneren Haus und weg von der gewohnten Routine. Es werden vermehrt Konzerte und Lesungen stattfinden, was ich besonders begrüße.

Gibt es ein spezielles Konzept in der Abendgestaltung?

Neben der musikalischen Grundausrichtung empfinde ich die Einbindung der lokalen DJ-Szene als besonders wichtig, denn Resident-DJs vor Ort sind absolut essenziell. Wir haben es uns erarbeitet, dass es kaum einen Unterschied ausmacht, ob ein dazu gebuchter DJ kommt oder ob unsere Residents auflegen. Erst muss das Lokale funktionieren und dann kann man Gäste einladen. Es kann schließlich immer passieren, dass man schlechte Bookings macht. In unserem Bereich ist es etwas anders als beispielsweise im House-Bereich, wo die Szene oft von großen Namen und Stars dominiert wird. Wenn man einen großen DJ bucht, dann weiß man im Vorhinein, dass er oder sie den Laden vollmachen wird. Wir würden aber einen großen Namen nicht unter der Prämisse engagieren, damit der Laden voll wird, sondern weil er oder sie uns gefällt. Wenn dadurch der Laden voll wird, ist das ein toller Nebeneffekt. Und natürlich freuen sich auch unsere Residents, wenn Rainer Trüby oder Jazzanova kommen.

Lass uns zum Schluss über eure Zukunftspläne sprechen. Was ist für das Jahr 2017 geplant?

In diesem Jahr feiern wir unser 10-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass haben wir am 28. Oktober den Pavillon in Hannover gemietet und präsentieren dort Konzerte, unter anderem mit Mop Mop, Hidden Jazz Quartett, Da Lata und Renegades Of Jazz. Zusätzlich haben wir eine Veranstaltung in Berlin im Prince Charles und in Köln oder Hamburg geplant, das entscheidet sich noch. Darüber hinaus konnten wir den begnadeten Jazz-Pianisten Lutz Krajenski gewinnen, welcher der Leiter der Big Band von Roger Cicero gewesen ist und am neuen Manfred Krug Album beteiligt war. Er hat zehn Stücke aus dem Agogo-Katalog neu arrangiert und spielt diese momentan ein. Das wird unsere bisher teuerste Produktion werden und im Oktober erscheinen, worauf ich mich besonders freue!


Ralf Zitzmann im Internet:
http://www.agogo-records.com
http://www.calamarimoon.de

Die nächsten Veröffentlichungen:
Mop Mop – Lunar Love Remixed (Agogo Records)
VÖ: 27. Januar 2017 [LP, CD und digital]

Onom Agemo & The Disco Jumpers – Liquid Love (Agogo Records)
VÖ: 24. Februar 2017 [12” und digital]

Die nächsten Termine:
03. Februar 2017 SOUL FEVER SPEZIAL mit RADIO MARTIKO (Gent) & PETER PIPER
10. Februar 2017 ALOHAR mit TELEPHONES & HENDRIK INFONE
17. Februar 2017 TONGEBUNG präsentiert SASCHA WALLUS & SERWO SCHAMUTZKI
24. Februar 2017 ELECTRO MOON mit DEDBEAT, CHRIZ THE WIZ & BIODUB

24. März 2017 SUPERMOON mit MR. SCRUFF & OONOPS
31. März 2017 THE BEATIFICATION mit THE BUSY TWIST & CHRIZ THE WIZ

21. April 2017 ELECTRO MOON mit DAEDELUS
30. April 2017 15 JAHRE CALAMARI MOON


Interview: Tim Schulze und Jannis Damitz
Text: Tim Schulze
Fotos: Jannis Damitz, Ralf Zitzmann, Mario Wenzel
Unterstützung: Stefanie Schweizer und Gregor Willenbrock

 

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


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