Ernst.FM

Startseite > Sendungen A-Z > FNJ Interviews Friday Night Jamboree > „Der DJ muss nicht immer männlich und weiß sein“ – Henry Alves im Interview
„Der DJ muss nicht immer männlich und weiß sein“ – Henry Alves im Interview

FNJ Interviews

Friday Night Jamboree spricht mit Bookern, Promotern, DJs, Produzenten und Labelbetreibern über aktuelle Themen aus der Szenelandschaft. Dabei entstehen bunte und interessante Gesprächsrunden, welche in Textform veröffentlicht werden.

„Der DJ muss nicht immer männlich und weiß sein“ – Henry Alves im Interview

Kürzlich haben wir uns mit Henry Alves getroffen, welcher sich um das Booking und das Design des Fuchsbau Festivals kümmert. Das Gespräch umfasst unter anderem, wie für ihn die Kriterien eines gelungenen Bookings aussehen, welchen Musikact er sich für das Festival wünschen würde und wie geeignet Hannover als Veranstaltungsstandort ist. Viel Spaß beim Lesen!


Henry, welche Position und welche Aufgabenfelder übernimmst du beim Fuchsbau Festival?

Das Projekt Fuchsbau Festival gibt es bereits seit 2012, ich bin vor einigen Jahren dazu gestoßen, weil ich im Grafikbereich tätig war. Damals haben sich dann aus einer bunt zusammengewürfelten Gruppe einzelne Arbeitsbereiche herauskristallisiert. Zu Beginn hatte niemand vorberufliche Erfahrungen, sondern nur musikalische oder künstlerische Interessen. Daraus haben sich anschließend einzelne Teams gebildet, unter anderem das Booking-Team des Festivals, welches aus drei bis vier Leuten besteht und nach wie vor zusammenarbeitet. Ich bin derjenige, der die Verantwortung trägt und sich beispielsweise um die Einhaltung der Budgets und die Vorproduktionen kümmert. Kuratiert wird das Programm aber von uns allen gemeinsam. Es geht darum, dass am Ende alle hinter den Entscheidungen stehen können, denn wir machen das aus Leidenschaft und begreifen es nicht als unseren Job.

Nach welchen Kriterien erarbeitet ihr euer Programm?

Im vergangenen Jahr haben sich unsere Strukturen und unsere Arbeitsweise etwas verändert. Wir haben beim Festival unterschiedliche Sparten, bestehend aus dem Musikbereich und einem künstlerischen Programm, gefüllt mit Bildender Kunst, Literatur, Gesprächsrunden oder Theaterperformances. Jedes Jahr setzen wir uns ein übergeordnetes Festival-Thema, zu welchem sich dann ein Kurations-Team bildet und alle zusammen an einem gemeinsamen Programm arbeiten. Aufgrund dessen haben wir mittlerweile wesentlich mehr interdisziplinäre Programmpunkte und ich als Booker versuche, Formate zu entwickeln, welche sich musikalisch auf das Festival-Thema beziehen. Auf der anderen Seite müssen wir uns im Endeffekt auch darüber bewusstwerden, wo wir einen Mehrwert sehen und worauf wir persönlich Lust haben. Nach jedem Festival machen wir Evaluationswochenenden und gehen genau diesen Fragen auf den Grund. Nach der Edition des letzten Jahres sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass wir das Interdisziplinäre in den Vordergrund rücken möchten und dass es spannend sein könnte, wenn die einzelnen Bereiche noch mehr miteinander arbeiten würden und so das Konzept geschärft würde. Im letzten Jahr hatten wir beispielsweise Amnesia Scanner im Programm, dessen Performance eine Co-Produktion aus Theater, Musik und Visual-Show mit einem hohen performativen Charakter gewesen ist und genau diese Ansätze verfolgt hat. Das endgültige Programm wird dann zeigen, ob es funktioniert hat.

Worauf legst du besonderen Wert, wenn du ein Booking machst?

Das kommt ganz stark auf das Format an, denn man bucht immer für einen speziellen Anlass, sei es eine Location oder ein Konzept. Mittlerweile schaue ich auch vermehrt, ob sich Leute mit neuen Ansätzen auseinandersetzen und ob kulturell oder thematisch irgendetwas mitschwingt. Wie ist beispielsweise die Persönlichkeit hinter dem Musikact? Wir wollen uns mit Künstlerinnen und Künstlern umgeben, die angenehm sind und nicht in irgendwelchen Sphären schweben, die wir nicht vertreten wollen. Man fängt dann an zu recherchieren und schaut nach Interviews und welche Haltung die Künstlerinnen und Künstler gegenüber bestimmten Themen einnehmen. The Black Madonna oder Helena Hauff sind sehr gute Beispiele für Künstlerinnen, welche sich zu vielen Aspekten äußern und eine klare und spannende künstlerische Position vertreten.

Welche Kanäle benutzt du, um auf Künstlerinnen und Künstler aufmerksam zu werden?

Das ist ein Zusammenspiel aus mehreren Gesichtspunkten. Prinzipiell möchten wir jede Künstlerin und jeden Künstler live gesehen haben, bevor wir ein Booking in Erwägung ziehen. Daher versuchen wir möglichst viele Veranstaltungen zu besuchen, wie beispielsweise bestimmte Showcase-Festivals. Dazu kommt ein voluminöses Netzwerk von Bookern und Veranstaltern, von denen man mit neuem Zeug sprichwörtlich zu gebombt wird. Das kann man logischerweise nicht alles aufnehmen, aber es hat schon öfters zu Situationen geführt, in denen es funktioniert hat. Das Internet ist als Quelle natürlich ebenfalls zu nennen.

Von welchen Faktoren hängt ein Booking schlussendlich ab?

Große Festivals haben ihre Bookings oft schon ein Jahr im Vorhinein festgezurrt. Wir fangen erst später mit dem Zusammentragen der Ideen an, sodass natürlich der Zeitfaktor bezüglich bestimmter Künstlerinnen und Künstler eine Rolle spielt. Wir entwickeln zunächst unsere Formate, bestücken diese mit potentiellen Kandidatinnen und Kandidaten und fangen dann an zu schauen, ob sich bestimmte Dinge realisieren lassen. Motor City Drum Ensemble ist ein Beispiel für jemanden, bei dem man sehr früh agieren muss, weil er nicht viele Gigs im Jahr spielt und sehr gefragt ist. Das Budget ist natürlich auch oft ein Ausschlusskriterium. Unser Vorteil ist aber, dass wir gezwungen sind, Talente zu erkennen und Kunstschaffende für uns zu begeistern, bevor sie richtig groß werden. Rødhåd war so ein Fall. Wir haben ihn gebucht, bevor er seinen schlagartigen Karriereanstieg hatte.

Unabhängig aller Eventualitäten: Wenn du dir einen Musikact aussuchen könntest, welcher wäre das?

Motor City Drum Ensemble ist definitiv ein Kandidat – ihn versuchen wir schon seit mehreren Jahren zu buchen, allerdings hat es bisher nicht geklappt. Das wäre insofern toll, weil es etwas Außergewöhnliches in der Region Hannover wäre und auch unserem Festival-Kontext einen anderen Twist geben könnte.
Würde man mal ganz abspinnen, wäre es jemand wie Frank Ocean. Auf unsere Formate bezogen würde ich ihn vielleicht mit Kendrick Lamar und einem Symphonieorchester auf dem Fuchsbau Festival ein gemeinsames und einzigartiges Ding erschaffen lassen, was über die Solokontexte hinausginge.

Wie wichtig ist euch Diversität?

Das ist für uns auf jeden Fall ein sehr wichtiges Thema. Wir wollen nicht 24 Stunden Four-To-The-Floor-House im Programm haben, sondern unterschiedliche Ansätze vertreten und Kunstschaffende finden, die die Dinge anders gestalten. Vor unsere Hauptbühne passen in etwa 1 000 Besucher, da fragt man sich schon, ob es die vier Elektropop-Bands sind, die die spannenden Momente erzeugen oder es vielleicht der Bruch ist, dieses Bedürfnis eben nicht zu befriedigen. Vor zwei Jahren haben wir beispielsweise Martin Kohlstedt nur mit einem Klavier auf die Hauptbühne gestellt. Das war zwar überhaupt nicht tanzbar, aber die Performance war so gewaltig, dass es einfach ein eindrückliches Erlebnis war. Darüber hinaus muss man natürlich beachten, wo die Grenze des Zumutbaren verläuft. Allerdings haben wir uns alle Freiheiten erspielt, sodass wir uns eben nicht über das Line Up definieren müssen.
In Bezug auf Diversität im gesellschaftlichen Sinn haben wir vor einigen Jahren ‚Frauen in der elektronischen Clubmusik‘ sowohl als Thema, als auch in Form einer ersten Gesprächsrunde, aufgenommen. Es geht hierbei in erster Linie um eine kritische Hinterfragung des Status Quo. Der DJ muss nicht immer männlich und weiß sein. Da mussten wir uns zunächst auch den Spiegel vorhalten und uns fragen, woran es liegt, dass wir das vorher nicht anders gemacht haben. Mittlerweile haben wir im Booking ein gutes Gleichgewicht erreicht.

Euer Line-Up ist sehr international gestaltet, wie sieht es mit dem Publikum aus? Gibt es Überlegungen über die Grenzen der Stadt und der Umgebung hinauszuwachsen?

Wir haben in den letzten Jahren festgestellt, dass sich unsere Zielgruppe nicht internationalisiert, aber nationalisiert hat. Natürlich spielt das Lokale ganz klar eine Rolle, aber gerade was unsere musikalische Ausrichtung betrifft, möchte ich schon gerne eine nationale Bezugskraft entwickeln. Ich glaube schon, dass unser Konzept und die intensive Auseinandersetzung mit Themen Leute aus anderen Ländern dazu bewegen kann, unser Festival zu besuchen. Was aber dazu kommt, wäre eine internationale Vermarktung und da würden wir rein finanziell schnell an unsere Grenze stoßen.
Ein erster Ansatz war allerdings der Beitrag des Resident Advisor Magazins über unser Festival aus dem letzten Jahr. Vor allem war der Beitrag auch kritisch und nicht nur rosig geschrieben, es fand eine Auseinandersetzung mit dem Ganzen statt. Da die dortigen Redakteure auf der ganzen Welt unterwegs sind, ist deshalb auch eine gewisse Vergleichbarkeit gegeben. Aber bis zu dem Punkt, an dem wir uns als internationales Festival begreifen, wird noch einige Zeit vergehen.

Wie würdest du den Status Quo des Standorts Hannover hinsichtlich der Eignung für künstlerisches Schaffen bewerten?

Grundsätzlich ist die Standortwahl durch unsere Herkunft begründet. Im Vergleich zu Berlin oder Leipzig ist die kreative Festivallandschaft in Hannover natürlich nicht annähernd stark ausgeprägt, jedoch schlummert hier viel Potenzial. Ich erlebe eine wachsende Kreativ- und Kulturszene und glaube, dass man sich hier frei entfalten kann. Es gibt einige neu entstandene Institutionen, welche ähnliche Gedanken verfolgen und aufgrund des Alleinstellungsmerkmals, das hier noch leichter erreichbar ist als beispielsweise in Berlin, treten einem diese Institutionen aufgeschlossener entgegen. Glücklicherweise haben wir eine Förderung erfahren und auch andere Ideenschmieden bekommen Raum zum Gestalten.

Was würdest du dir in Bezug auf Hannovers Veranstaltungslandschaft wünschen?

Auf musikalischer Ebene scheint es leider oft damit einherzugehen, inwieweit Events vom Publikum angenommen werden. Ich habe keine Ahnung, ob unsere Festival-Bookings in Hannover clubfüllend sein könnten. Es gab Überlegungen in diese Richtung und dabei kam natürlich auch die klassische Idee auf, einfach einen Club zu eröffnen, um 24 Stunden am Tag die eigene Musik hören zu können. Aber das ist ein großer Schritt und würde zu weit führen, denn momentan konzentrieren wir uns mit großer Begeisterung ausschließlich auf das Festival.

Was wünschst du dir abschließend für das kommende Jahr?

Ich schreibe gerade meine Bachelorarbeit und möchte gerne bis zum Sommer damit fertig sein. Darüber hinaus hoffe ich, dass wir wieder ein sehr schönes Festival haben werden, es keine Probleme mit äußeren Umständen wie der Location gibt und sich unsere Ziele und Vorsätze in die Tat umsetzen lassen.


Das Fuchsbau Festival im Internet:
http://fuchsbau-festival.de
https://www.instagram.com/fuchsbaufestival
https://vimeo.com/fuchsbaufestival

Unter dem Titel „splitter, faser____“ geht das Fuchsbau Festival vom 11. – 13. August 2017 in eine weitere Ausgabe.
Das Line Up wird demnächst bekannt gegeben.


Interview: Tim Schulze, Henry Schwarz und Jannis Damitz
Text: Tim Schulze und Jannis Damitz
Fotos: Jan Helge Petri, Kevin Münkel und Sascha Kautz
Unterstützung: Stefanie Schweizer

Diese Episode wurde veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0 DE).


Kommentare (0)